TOPOGRAFIE NEUSEELAND

Wenn man einen Neuseeländer nach dem Weg fragt, kann man sich auf eine Antwort gefasst machen, die so umfangreich ist, wie die Gebrauchsanweisung für ein Auto. Selbst, wenn das Ziel direkt um die Ecke liegt, wird im übertragenen Sinne zu Zettel und Stift gegriffen und eine Karte gezeichnet. Beispiel gefällig?

„Kannst du dein Auto bitte umparken, wir brauchen heute mehr Platz im Hof?“

„Klar, wo soll ich es hinstellen?“

„Hinten auf die Steine. Weißt du wo? Also, wenn du in den Auto steigst, dann fährst du dahin, wo sonst der Anhänger immer steht, also runter vom Beton, einfach da hinten hin, hast du das schon wahrgenommen? Verstehst du, was ich meine? Einfach gerade über den Hof, diese kleinen Steine meine ich, den Schotter dort.“

„Ok.“

Der Hof fühlt sich nach dieser Anweisung an, als sei er von Louis XIV. persönlich entworfen worden und in Größe kaum zu übertreffen. In Wahrheit steige ich in mein Auto, starte den Motor, drücke für zwei Sekunden leicht auf das Gaspedal und stehe auf den Steinen. Mehr nicht. So ging es mir bisher aber nicht nur auf dem Hof des Sonnenkönigs, sondern ich habe diese Erfahrung bisher schon einige Male gemacht. Wie komme ich zur Busstation? Alsooooo… Welche Fahrkarten gibt es? Nunjaaaaa… Was sich im ersten Moment nach übertriebener Freundlichkeit anfühlt, geht mir mittlerweile tierisch auf den Zeiger. Nur, weil ich mich nicht auskenne, heißt das nicht, dass ich völlig auf den Kopf gefallen bin.

Wo wir gleich beim zweiten Thema wären. Dummheit. Bislang habe ich noch mit keinem Einheimischen eine tiefgehendere Diskussion führen können, als darüber, wie ich von A nach B komme, welches Essen am besten ist, oder wie das Wetter im Sommer so wird. Jeder Versuch wird im Keim erstickt. Hinzu kommt, dass ich bei vielen Gelegenheiten gefragt werde, ob es das auch in Deutschland gebe.

Tischkalender? Habt ihr so etwas auch in Deutschland? Gemüse? Baut ihr das in Deutschland an? Sommer? Wird es warm bei euch? Winter? Kennt ihr Schnee? Habt ihr Metzger?

Ein Land, von dem ich mehr Entwicklung erwartet habe, stellt die rückständigsten Fragen und legt rudimentäre Kenntnisse davon an den Tag, wie die restliche Welt wahrgenommen wird. Der Grund, warum ich hierher gekommen bin, war unter anderem, dass ich mir unberührte Natur, freundliche Menschen und einen Kulturaustausch erhofft hatte. Das habe ich auch alles bekommen. Nur teilweise in Formen, mit denen ich nicht gerechnet hatte.

Das stolze Kriegervolk der Maori kriecht fettleibig durch die Straßen der lieblos hingestellten Kleinstädte und stopft sich mit Fastfood von großen Imbissketten die Diabetisnahrung in die Münder. Ohne Frage, das Land, beziehungsweise das, was ich bislang von ihm gesehen habe, ist wunderschön, es gibt atemberaubende Landschaften, unberührte Flecken Natur und Orte, die man nicht besser malen könnte. Aber das Gesamtbild, das sich gerade in meinem Kopf und Herzen bildet, ist anders, als ich es erwartet hätte.

Dennoch darf man dabei nicht außer Acht lassen, dass ich bislang keinen Menschen begegnet bin, der unfreundlich ist. Ganz im Gegenteil, auch die übertriebenen Wegbeschreibungen sind Teil der manaakitanga, der Gastfreundlichkeit der Bevölkerung. Hier wird alles geteilt. Vom Wissen über die Ortskundigkeit, bis hin zum Essen. Auch Schlafplätze wurden mir schon zu Genüge angeboten. Diese Herzlichkeit ist mir bislang in der Form noch nicht begegnet. Dabei gilt auch hier der Grundsatz: je weniger die Menschen haben, desto mehr haben sie mir angeboten. Was sich im vorangegangenen Textabschnitt noch so anhört, als würde ich hier am liebsten Hals über Kopf wieder abhauen, ist bei genauerer Betrachtung Meckern auf hohem Niveau. Die Städte haben alle ihren eigenen Charme, besonders Wellington hat es mir sehr angetan. Dort trifft Hafenklang auf Kultur, Natur auf Architektur und die freundlichen Menschen in den vielen Parks aufeinander. Lediglich der Wind ist brutal. Maori sind immer noch beeindruckend und unglaublich herzlich, was vielleicht auch mit ihrer Körperfülle zu tun hat.

Dementsprechend offen laufe ich mittlerweile durch die Ländereien, teile alles, was ich nur kann, spreche mit offenem Herzen, halte die Augen stets aufmerksam auf das gerichtet, was vor mir liegt und freue mich auf den weiteren Aufenthalt hier. Ich habe keine Ahnung, was noch auf mich zukommt. Der Plan ist, keinen Plan zu haben. Und wenn ich mal nicht weiter weiß, kann ich ja immer noch einen Einheimischen nach dem Weg fragen.

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