Tāima

„Zur Zeit kann ich nur sagen, dass man sie haben sollte.“ So steht es bei meinem Frisör geschrieben. Wenn ich mir meine letzten Tage und Wochen so angucke, kann ich das nur bestätigen. Vielleicht kommt es daher, dass ich Angst hatte, schon so viel Zeit vergeudet zu haben in diesem Jahr und den gleichen Fehler noch einmal zu machen, aber mein Tempo, in dem ich hier gerade das Land erkunde, kommt nicht von ungefähr. Knapp 3500km stehen jetzt auf dem Tacho. Eine Menge. Ich muss runterkommen, mir Zeit nehmen. Ich bin noch ganz lange hier. Und das merke ich so langsam. Langsam ist das Stichwort. So waren die letzten Tage auch, was das Fortbewegen anging. In meinem Kopf ist es dafür umso wilder und schneller. Besonders das Thema Zeit wühlt sich immer wieder in den Vordergrund. Das Arbeiten auf dem Feld ist dabei sehr hilfreich. Zwar ist es körperlich fordernd, doch bin ich täglich mehrere Stunden in der Sonne, kann mir endlich die Zeit nehmen, Hörbücher oder Musik zu hören und meine Gedanken zu sortieren, oder einfach mal gar nicht zu denken. Das erfüllt und erdet mich. Ich gebe mich mit unglaublich wenig zufrieden und freue mich über Kleinigkeiten. 

Je nachdem, an wen ich mich in meinem Umfeld wende, auf die Frage, warum sie ihren Hobbies, die sie augenscheinlich lieben, nicht mehr nachgehen, kommt immer wieder die Erklärung: „Wir haben doch keine Zeit.“ Besonders die Älteren, Mitte / Ende 60, könnten schon in Rente gehen, wenn sie denn wollten. Genug Geld haben sie. Spätestens jetzt hätten sie alle Zeit der Welt. Körperlich wären sie auch noch in der Lage, längere Reisen zu unternehmen. Sie bewundern, dass ich reise. Hätten sie auch gerne gemacht. Aber sie hatten noch keine Zeit dafür. Vielleicht kommt diese Zeit noch. Ich wünsche es ihnen, das haben sie sich redlich verdient. Die Zeit muss man sich nehmen.

Das stimmt mich unglaublich nachdenklich. Eine gute Freundin erzählte mir heute, sie habe einen Freund ihres Vaters getroffen, der jahrzehntelang als Lehrer gearbeitet hat, aber eigentlich lieber Seemann geworden wäre. Warum er denn seinem Traum nicht nachgegangen ist, wollte sie wissen. Er habe „den Absprung nicht geschafft“, war die traurige Antwort. Kurz zuvor habe ich eine Geschichte gelesen. Darin ging es um das Glück von Senioren. Ein älterer Herr antwortete ziemlich bestimmt, er sei nur deswegen so alt und glücklich geworden, weil er immer die Arbeit erledigt hat, auf die er Lust hatte. Mit seinen vielen Interessen sei es nicht vereinbar gewesen, sich nur auf einen Job zu konzentrieren und eine Leidenschaft, die er in eine Arbeit umwandeln konnte, hatte er nicht, also hat er es sich zur Passion gemacht, so viel zu lernen, wie möglich. So reiste er um die Welt, half mal hier, arbeitete mal dort, schaute sich viele Arbeitsgebiete an und führte ein nach seiner Aussage erfülltes Leben, während er gleichzeitig seinen Wissensdurst stillte. Zwei Geschichten, die kontrastreicher nicht sein könnten und mich vor die Frage stellen: Wofür soll ich mir denn Zeit nehmen? Momentan lässt sich diese stressige Situation einfach klären. Mein persönliches Glück, meine innere Zufriedenheit, steht ganz oben auf der Prioritätenliste. Danach richte ich meinen Lebensinhalt aus. Aber das möchte ja irgendwie jeder. Es klingt langweilig und abgedroschen. Weltfrieden möchte auch jeder. Primitive Gedanken sind das. Das stimmt aber nur solange, wie man annimmt, dass diese Prozesse von außen gesteuert werden können. Ich bin der Meinung, innere Zufriedenheit kommt auch von innen. Doch damit sind viele Menschen überfordert. Sie stopfen dieses Loch der Unzufriedenheit mit sinnlosen Online-Einkäufen, flüchtigen Bekanntschaften und Alkohol. Alles muss schnell gehen, denn „wir haben doch keine Zeit.“

Unsere Generation, diese Millenials, ist nicht dazu gemacht, mit Stress klar zu kommen. Das liegt unter anderem an der Erziehung, bzw. den falschen Erziehungsmethoden, mit denen wir aufgewachsen sind. Stress bedeutet für uns heillose Überforderung. Uns wurde jederzeit gesagt, wir seien etwas Besonderes. Wenn wir auf Probleme stoßen, lösen Mama und Papa sie für uns. Das ist der Weg, den sich auch Wasser suchen würde, nämlich der einfachste, der schnellste Weg. Wenn wir Stress haben, suchen wir Dopamin, schnelles Dopamin. Wir sind gewohnt, alles schnell zu bekommen. Sobald es also ernst wird und wir wirklich auf bedeutungsvolle Probleme stoßen, machen wir uns keine Gedanken darüber, sondern suchen die schnelle Hormonbefriedigung. Wie sieht die bei uns aus? Wir können auf Knopfdruck alles bestellen, was wir wollen, können Filme sehen, wann immer wir es wollen, können jederzeit essen und auch Dates per Swipe organisieren. Auf nichts brauchen wir zu warten. Warum sollte sich das Warten also lohnen, wenn man woanders schneller befriedigt wird? Der Alkoholiker kennt das Problem und den schnellen Griff zur Flasche. So ist es mit den Millenials und dem schnellen Griff zum Smartphone. Habe ich Stress, schreibe ich jemandem, poste etwas auf Facebook oder Instagram und warte auf Antwort oder Likes. Schnelle Antworten und Likes sorgen für Dopamin-Ausstöße, der Stress verfliegt, wir fühlen uns besser. Für tiefgründige Gedanken bleibt bei diesem „Schnell-Schnell“ keine Zeit – sie sind aber auch nicht notwendig. Die wichtigsten Sachen im Leben erfordern aber Geduld: Liebe, Vertrauen, Freundschaft. Das kann man nicht innerhalb weniger Minuten per App aufbauen. So etwas entsteht in langer sozialer Interaktion. Wir müssen lernen, uns der Wirklichkeit anzupassen. Raus aus dem Wahnsinn. Die Jagd nach sinnlosen flüchtigen Momenten und unerfüllbaren Wünschen muss aufhören. Für einen solchen Moment alles aufzugeben, was einem bedeutet, das, was eigentlich für immer bestehen soll, sieht dem Millenial ähnlich. Und das ist nicht einmal seine Schuld. Er weiß sich nicht anders zu helfen. Wir müssen wieder anfangen, uns gegenseitig emotional an die Hand zu nehmen. Damit sollten wir alle sofort anfangen. Wir müssen damit beginnen, uns Zeit zu nehmen, in uns und andere hinein zu hören und die Probleme aus- und anzusprechen. Der Lehrerfreund hätte vielleicht ein erfüllteres Leben geführt, wäre er Seemann geworden, der alte Herr wäre vielleicht schon gar nicht mehr am Leben, wenn er eine andere Laufbahn gewählt hätte. Beide haben ihre Wünsche erkannt. Der eine hat sie ignoriert, der andere wird noch lange glücklich auf sein erfülltes Leben zurückblicken können und Generationen nach ihm für lange Zeit inspirieren. 

Silvester ist der Moment der guten Vorsätze. Das letzte Jahr war scheiße, aber dieses Jahr wird mein Jahr! Es scheint, als sei dies einer der wenigen Momente, an denen sich jedes Individuum tāima, Zeit auf Māori, nimmt, darauf zu blicken, wie er oder sie sich selbst schlecht behandelt hat. Dies und jenes soll geändert werden. Weniger Schlechtes, mehr Gutes. Die Angst noch mehr Zeit zu vergeuden, wächst dabei jährlich. Die Endlichkeit des Daseins erhält Einzug im Bewusstsein. Alles wird sicherlich gedanklich auch dadurch auf den Weg gebracht, dass unter den Weihnachtsbäumen weltweit Ratgeber für gesünderes Leben, für besseres Essen, für sinnvolleres Zeitmanagement liegen. 

Die Weihnachtszeit ist grundsätzlich eine schöne Zeit. Weihnachtsstimmung wollte bei mir aber nicht aufkommen. Wie auch, wenn die Sonne erbarmungslos von oben herabbrennt und der Wind sein übriges tut, damit man nicht bemerkt, wie der Körper langsam rot wird? Draußen 30°C und im Supermarkt läuft „Last Christmas“. Merkwürdig. Witzig. Bis jetzt die größte Grenzerfahrung. Komisch fühlt sich das an, ungewohnt. Aber auch schön. Bereichernd. Wieder eine Erfahrung mehr. Und jetzt bin ich eben erstmal hier und fühle mich pudelwohl. Hier und da kommen immer mal wieder Gedanken und Träume aus dem Unterbewusstsein angeschossen, aber durch Ablenkung, guten Tee und jede Menge positiver Energie sind auch diese schnell abgehakt. „Die Zeit heilt alle Wunden“ sagt man ja immer. Ich denke, da ist etwas Wahres dran. Nur muss man sich die Zeit nehmen und den Wunden gleichzeitig auch die Zeit geben, zu heilen. Selbst der kleinste Schnitt im Finger stört oft mehrere Tage, wenn man nicht geduldig auf die Heilung wartet. Ich glaube, ich habe mit dem Antritt dieser Reise in das Ungewisse den richtigen Schritt getan. Meine Gedanken sprudeln nur vor sich her und ich habe Mühe, sie alle zu sortieren, einzufangen und zu verstehen. Dabei hilft mir das Schreiben sehr. Dennoch verstehe ich meine Hirngespinste nicht alle und bin gespannt, was weiter auf mich zukommt. Momentan merke ich, wie meine Kreativität aus ihrem langen Winterschlaf erwacht. In meinen stillen Momenten habe ich fast jeden Tag Tagebuch geschrieben. Zwischendurch fördert mein Gehirn zwischen den täglichen Berichten darüber, was passiert ist und was ich gegessen habe, andere, tiefer gehende Themen wie dieses zutage. An diesen Gedanken möchte ich andere teilhaben lassen. Es wäre natürlich emotional einfacher, das alles auf meiner Festplatte im Privaten zu speichern, aber, auch auf vielfaches Drängen hin, diesen Blog zu schreiben, habe ich festgestellt, dass es schön ist, meine Gedanken und Erfahrungen mit anderen zu teilen. Natürlich werde ich auch Reiseberichte schreiben, denn hier gibt es eine Menge zu sehen und erleben. Alles mit seiner Zeit. 

Wenn ich so auf die Zukunft, also die Zeit, die noch kommen wird, blicke, hoffe ich, dass mein Plan einigermaßen aufgeht. Ich habe mir vorgenommen, mir die Zeit zu nehmen, mir alle meine Träume und Wünsche zu erfüllen. Den größten aller Träume habe ich jetzt zumindest im Ansatz abgehakt. Ich bin immerhin hier, in Aotearoa, ich muss es nur noch wahrnehmen. Ich habe alle Zeit der Welt. Und die nehme ich mir jetzt.

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