Cape Reinga

Völlig euphorisiert durch den ersten Autokauf meines Lebens – Hallo, Nissan Pulsar N15, Baujahr 1996, 230.000 gefahrene Kilometer, 141 PS, Benzinmotor – fuhr ich beflügelt in die Abendsonne meines fünften Tages in Neuseeland. Ziel: die Nordspitze der Nordinsel, besser bekannt als Cape Reinga. Sieht auf der Karte betrachtet gar nicht so weit aus die Strecke, dachte ich mir noch beim Losfahren. Habe mich getäuscht. Ich hätte nie gedacht, dass die Insel so groß, der Weg so lang und die Straßen so endlos sein können. Allerdings fuhr ich auch sehr langsam auf den Landstraßen, etwa 60 km/h, um möglichst viel von der unglaublichen Landschaftsvielfalt mitnehmen und aufsaugen zu können. Den Verkehr hielt ich dadurch nicht auf. Es gab schlicht keinen. Bin des Öfteren auch ausgestiegen, um Fotos zu schießen (die lagern auf meiner SD-Karte und wollen dort bleiben, bzw. lassen sich nicht kopieren, ich arbeite an einer Lösung, um sie hier hochzuladen zu können) oder einfach nur zum Genießen. Durch mein langsames Tempo und die vielen Zwischenhalte, brauchte ich für die 420 km eine Nacht und einen halben Tag. Die erste Nacht im Auto verlief ruhig, es war nicht so unbequem, wie ich es mir vorgestellt hatte, Luxus sieht aber anders aus. Ich schlief hoch über der Hafenstadt Opononi und hatte einen traumhaften Ausblick über die vom Vollmond erleuchtete, ins Landesinnere führende Bucht.

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Mein Baby – My White Knight. Ungewaschen.

Am späten Vormittag des nächsten Tages erreichte ich schließlich das Ende des State Highway 1, Te Rerenga Wairua. Ich cremte mich ein und stiefelte los. Vom Parkplatz, der sich einige Meter über einer Steilküste auf einer größeren Anhöhe befindet, führt ein kleiner Weg in den Nationalpark. Am Eingang weist ein Hinweisschild darauf hin, dass es sich bei dem Kap um eine heilige Städte der Maori handelt, geschmückt mit geschichtlichen Hintergrundinformationen auf weiteren am Weg stehenden oder liegenden Informationstafeln. Heilig ist die Stätte für die Māori, weil von hier der Legende nach die Seelen der Toten den langen Pilgerweg zurück nach Hawaiki antreten. Reinga bedeutet „Absprungplatz“ und Te Rerenga Wairua „Absprungplatz der Geister“. Irrtümlich wird oft davon ausgegangen, das Cape sei der nördlichste Punkt Neuseelands Nordinsel. Dem ist nicht so. Der nördlichste Punkt der Nordinsel, das Surville Cliff, befindet sich etwa 30 km weiter östlich. 

Der Weg führt schließlich zu einem Leuchtturm, der, wie frisch heraus geputzt, weiß den Winden des Südpazifiks und der Tasmansee trotzt. Nicht weit von hier segelte 1769 damals auch Captain Cook durch diese wilden Gewässer, um Neuseeland zu vermessen. In der Geschichte der Māori stellt das Aufeinandertreffen der beiden Ozeanteile am Cape Reinga das wilde Balzen und Vereinen von Mann und Frau dar. Es geht dort in der Tat recht stürmisch zu. Auf der westlichen Seite des Capes kann man einen schier endlosen, breiten Sandstrand sehen, der sich kilometerweit nach Süden erstreckt und sich in einiger Entfernung zu großen Dünen auftürmt. Da wollte ich hin. Es folgte ein gemächlicher Abstieg an der Klippe entlang, der etwa 30 Minuten dauerte. Unten angekommen wurde ich von der Gischt begrüßt, die sich angenehm kühl mit dem Wind auf meiner Haut vertrug und so die Hitze erträglich machte. Mein immer noch anhaltendes Dauergrinsen im Gehirn hielt meinen Verstand davon ab, darüber nachzudenken, dass das eine trügerische Abkühlung war. Die Lehre sollte ich am Ende meines Ausflugs ziehen dürfen. Ich zog die Schuhe aus und lief barfuß durch den weißen Sandstrand an der Wasserlinie entlang.

Nach etwa eineinhalb Stunden, auf denen mir allerlei Seevögel und Krebse kurze Gesellschaft leisteten – wenn man das ängstliche Wegfliegen und -laufen so nennen kann – erreichte ich die erste große Düne, die eine der Te-Paki-Sanddünen ist, die höchsten Neuseelands. Hier merkte ich dann, dass ich vergessen hatte, meine Wasserflasche aufzufüllen. Bei 30°C in der Sonne natürlich sehr intelligent. Ich hatte noch etwa einen Liter Trinkwasser dabei. Nach kurzer Überlegung entschied ich mich, dennoch weiterzulaufen. Ich rappelte mich auf und erklomm den Hügel. Oben erwartete mich ein prächtiges Farbenschauspiel. Verschiedene Gesteinsschichten schimmerten in den unterschiedlichsten Farben. Dazwischen trotzten kleine Pflanzen den Witterungen. Pflanzen, die hier wachsen, stellen aufgrund der lebensunfreundlichen Bedingungen hier oft nur die Bonsaiform ihrer Verwandten im restlichen Teil des Landes dar. Dahinter erstreckte sich eine noch wesentlich größere Sanddüne, die ich natürlich auch besteigen musste. In näherer Umgebung war keine Menschenseele zu sehen. Nur auf dem Sandstrand, weit hinter mir, wuselten vier kleine Gestalten über den Sand. Ich war allein und hatte wenig Wasser dabei. Umdrehen? Fehlanzeige.

Cape Reinga Dec 2008
Am Ende der Küstenlinie liegt das Cape Maria van Diemen. Musste mir Fotos von der doc-Seite „borgen“, weil ich meine Bilder nicht auf meinen Laptop kopiert kriege.

Auch die zweite Hürde nahm ich ohne Mühe. Hier stand ich vor der Wahl: entweder einen Rundweg laufen und über das Landesinnere wieder zum Kap gelangen, oder weiter zur Westküste und auf einen anderen Hügel klettern. Ich entschied mich für die zweite Variante und sprang und hüpfte die Sanddüne hinab. Die Spuren im Sand verrieten mir eins: hier war lange kein menschlicher Erdbewohner mehr vorbeigekommen. Ab und an schien sich etwas tierartiges hierhin verirrt zu haben, doch selbst der Luftraum war frei von Vögeln. Etwas unbehaglich war mir schon, doch ich lief einfach weiter, schließlich hatte ich eine Mission. Das erste Zeichen menschlicher Gegenwart tauchte auf der Spitze des letzten Hügels auf. Hier stand eine maritime Signalstation, die als digitaler Leuchtturm den Schiffen Wege in sichere Fahrwasser zeigte. Ich setzte mich an die Steilküste des Hügels und betrachtete meinen hinter mir liegenden Weg, der gleichzeitig auch mein Rückweg sein sollte. Wasser hatte ich kaum noch, die Sonne brannte auf der Haut und ich schwitzte ohne Ende. Dennoch genoss ich die Aussicht in vollen Zügen. Das Ozeanrauschen und der Wind entschädigten mich für meine Dummheiten. Bei diesem Hügel handelt es sich um das Cape Maria van Diemen, den westlichsten Punkt der Nordinsel Neuseelands. Einen Augenblick verweilte ich noch, ehe ich mich schließlich entschloss, mich auf den Rückweg zu machen. Dafür wählte ich den direkten Weg nach unten und nicht den zugewucherten Trampelpfad, über den ich hier nach oben gelangt war. Wieder ein Fehler. Es hörte nicht auf. Der Weg allerdings nach kurzer Zeit schon. In dieser kurzen Zeit hatte ich es geschafft, mir beide Beine und meine Arme von Dornenbüschen und weiteren undefinierbaren Pflanzen zerkratzen zu lassen, die scheinbar auf dumme Touristen gewartet hatten, um ihre angestauten Aggressionen abzubauen. Ich kehrte also wieder um und schlurfte besiegt über den Trampelpfad zurück. Dieses Mal wählte ich, unten angekommen, den Weg am Wasser entlang, kletterte also nicht über die Dünen. Meine erste gute Entscheidung seit Beginn dieser Wanderung. Es ging wesentlich schneller und so war ich auch selbstbewusst genug, mein Wasser komplett zu leeren. Würde ja jetzt nicht mehr so lange dauern bis zum Parkplatz. Dritter Fehler. Es dauerte ewig. Zwei Stunden schleppte ich mich durch den Sand, an lachenden Möwen vorbei, die Klippe hinauf und zum rettenden Auto. Völlig erschöpft setzte ich mich auf den heißen Asphalt und leerte meine Wasservorräte. Erst jetzt bemerkte ich, wie verbrannt ich war. Ich Idiot hatte vergessen, mich auf meiner Odyssee erneut einzucremen. Mittlerweile kam ich auch mit dem Zählen meiner Fehler nicht mehr hinterher. Gut, es war mein vierter. Zufrieden? Eigentlich wollte ich wieder im Auto schlafen, doch die Aussicht, meine Häutung auf 2m2 vorzunehmen bereitete mir keine Freude. Ich beschloss, mir ein Hostel zu gönnen, auch, um mich zu duschen und nach den Strapazen die Beine hochzulegen. Es war die erste richtig gute Entscheidung des Tages. Seitdem habe ich immer einen randvollen 10-Liter-Kanister Wasser im Auto, eine stets gefüllte Trinkflasche bei mir und die Sonnencreme griffbereit. Aus Fehlern soll man schließlich lernen. Ich kann es kaum erwarten, ein zweites Mal zum Cape Reinga zu fahren, um zu zeigen, dass ich es besser kann.

3 Gedanken zu “Cape Reinga

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