Namensgebung

1818 hat Caspar David Friedrich den Grundstein für die heutige Urlaubsinszenierung in sozialen Netzwerken gelegt. Mit seinem Werk „Der Wanderer über dem Nebelmeer“ brach er mit vielen Gepflogenheiten der damaligen Malerei und setzte eine Figur mit dem Rücken zum Betrachter in die Bildmitte. Zu der Zeit einzigartig. Mittlerweile findet man kaum noch ein Facebook- oder Instagram-Profil, wo nicht ein Foto davon existiert, wie der Profilinhaber mit dem Rücken zur Kamera steht, den Blick in die Ferne schweifen lässt und so tut, als würde er darüber sinnieren, was da so vor oder hinter einem liegt. Dazu noch ein nachdenklicher, vermeintlich tief gehender Spruch, am besten in einer fremden Sprache und fertig ist der Like-Generator. Ich bin da keine Ausnahme.

Poetisch ist das, sehr sinnlich. Es zeugt, bei aller ironischer Betrachtungsweise, immer von großer Naturverbundenheit, Ehrfurcht, Nachdenklichkeit und Errungenschaften. Der Blick in die Ferne kann immer als ein Blick in die Vergangenheit oder in die Zukunft gesehen werden. Ähnlich, wie bei meinem Ausflug zum Cape Reinga, wo ich, auf einem Hügel sitzend, überblicken konnte, was an Wegstrecke hinter mir lag und was gleichzeitig noch vor mir liegt. Offizielle Bilddeutungen über das in der Hamburger Kunsthalle ausgestellte Werk sprechen bei der Pose gar von einer Lebensallegorie und der Beschränktheit des Menschseins gemessen an einfachen Faktoren wie Weite der Sicht, Höhe des Berges oder den vor einem liegenden Abgrund. Der Gipfel als Ziel des Lebens.

So weit habe ich bis jetzt bei keinem dieser Bilder gedacht, aber dennoch finde ich, dass der „Nebelmeerwanderer“ den heutigen Zeitgeist der Wanderlust gut genug wiedergibt, um unter dem umgewandelten Namen darüber zu schreiben, was noch vor mir und was bereits hinter mir liegt. Hans Joachim Neidhardt sagt zu der Darstellung auf dem Bild: „Der Mensch auf dem Gipfel ist zugleich der Mensch am Abgrund, der vor ihm liegt. Der Abgrund aber ist in Nebel gehüllt. Er birgt das Künftige, das dem Auge des Sterblichen entzogen ist.“ Exakt so ist es. Der Plan ist, keinen Plan zu haben und der Weg ist das Ziel. Der Gipfel ist lediglich eine Zwischenstation auf dem Weg zum nächsten.

Bei all der hochtreibenden Pseudo-Philosophie darf man aber nicht vergessen, dass es vielleicht auch einfach nur besonders schön da war, dort, wo die Profilfotos entstanden sind und die Fotos gar nicht gestellt sind. Vielleicht hat sich der Fotograf gedacht, dass es mit einem ehrfürchtig auf die Landschaft blickenden Menschen noch schöner sein würde und hat deswegen den Auslöser betätigt. Die wenigsten Fotografen machen sich vor solchen Fotos so viele Gedanken. Sieht ja auch wirklich schön aus, wenn man sich in neonfarbigen Trekking-Funktionskleidung quasi in die Natur einfügt. In diesem Sinne:

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