¿Por qué?

Ich sitze momentan täglich mehrere Stunden auf einem Traktor und fahre über die Zwiebelfelder. Klingt nacht dem feuchten Traum eines jeden Jungen. Ist es auch. Für etwa einen Tag, danach wird es langweilig. Mit 1,7km/h kriecht der Traktor also über die Acker, während ich verzweifelt versuche, spannende Gedanken in den noch nicht eingeschlafenen Hirnregionen zu finden. Halt, da war doch was! Genau: warum mache ich den ganzen Scheiß eigentlich?

Hat das alles eine Bedeutung? Hat das Leben eine Bedeutung? Angeleitet von diesem Artikel mache ich mich auf die Suche.

Wir leben in einem Universum, das aus Materie besteht; Atome, Higgs bosons, Quarks und so weiter, und dennoch ist es trotz der bewiesenen Existenz dieser schwer zu begreifen, wie Lebewesen funktionieren, die aus geisterhafter Materie bestehen. Ich bin ein Lebewesen und ich bestehe zweifellos aus Materie. Was unterscheidet mich also von denjenigen Objekten, die wir nicht als Lebewesen bezeichnen? Wie bereits herausgearbeitet, ist das Überleben der eigenen Spezies der Antrieb aller Lebewesen. Menschen, Tiere und Pflanzen sind zweifelsohne Lebewesen, und allen ist gemein, dass sie überleben und ihre DNA weitergeben wollen (Charles Darwin und der Biologieunterricht lassen grüßen). Daran wird sich auch nichts ändern, nur, weil wir homo sapiens diese Erkenntnis langweilig finden. Egal, was passiert, die Evolution wird sich nicht aufhalten lassen, das hat sie die letzten 4 Milliarden Jahre auch nicht getan. Jeder hat größere Ambitionen, spezieller zu sein als die allseits bekannten Escherichia Coli. Doch im Endeffekt besteht das Spezielle im Menschen nur darin, dass wir davon sprechen können, etwas Besseres zu sein, die Natur unserer Existenz lässt sich nicht leugnen. 

Der Unterschied zwischen mir und einem Stein ist demnach, dass ich ein Bewusstsein habe, welches mich daran erinnert, dass ich mich fortpflanzen soll. Der Stein kann sich nicht fortpflanzen und hat kein Bewusstsein. Oder? Beruht mein Bewusstsein darauf, dass ich am Leben bin? Haben E. Coli vielleicht auch ein Bewusstsein? Im ersten Moment erscheint es logisch zu behaupten, Wasser, Luft oder eben Steine haben kein Bewusstsein. Die Frage ist allerdings, ob Gegenstände, die aus demselben Material, derselben Masse geschnitzt sind wie wir, nicht vielleicht doch die Eigenschaft Bewusstsein in sich tragen und ihnen nur etwas anderes fehlt, um dieses Bewusstsein zu Tage zu fördern oder zu entwickeln. Beim Menschen hat eine glückliche Kette von Umständen und Zufällen dazu geführt, dass sie ihr Bewusstsein in Form von Empathie, Vernunft, Vorstellungskraft und Selbstreflexion ausüben können. Wer weiß, vielleicht können wir in ein paar Milliarden Jahren mit Steinen kommunizieren und unser Wissen vermehren – ohne Hilfe von Halluzinogenen.

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Bild von Steinen.

Solange ich mich aber weiter mit meinen Artgenossen und dem ein oder anderen Vierbeiner unterhalten muss, bleibe ich dabei und versuche, meiner Spezies zu dienen. Das ist schließlich das, was Menschen seit Jahrtausenden tun. Denn wir Menschen streben nach Sicherheit für uns und unsere Liebsten. Diese im Einklang mit der Natur zu finden, gibt unserem Leben einen Sinn. Schon Schopenhauer riet und mahnte: „Neminem laede; imo omnes, quantum potes, juva.“ – „Verletze niemanden, vielmehr hilf allen, soweit du kannst.“

Das klingt alles sehr hochtrabend. Vor einigen Jahren noch saß ich gemütlich vor dem PC, habe stundenlang Computerspiele gedaddelt und nicht nach dem Sinn des Lebens gesucht. Und wenn mich einer gefragt hätte, hätte ich mich Sicherheit geantwortet, es gebe ihn nicht. Ich war sorglos. Das klingt ignorant, doch eigentlich bestätigt es meine jetzige Suche nur, denn der Sinn des Lebens ist ein individuelles Konstrukt, das jeder nach seinen eigenen Maßstäben bildet. Es gibt keinen göttlichen Fahrplan, der alles bestimmt, jeder ist für sich und die eigene Bedeutung verantwortlich. Diese Form des Zweifels, die mich hier in der Mittagshitze auf dem Traktor plagt, macht mich menschlich. Während Zweifel meine Illusionen zerstört, braut er im Gegenzug mithilfe meiner Vorstellungskraft meine Träume; in meinem Rahmen der Möglichkeiten. Träume sind großartig, wenn es um Selbsteinschätzung geht und die Frage danach, was man erreichen möchte. Sie ermöglichen es, Ziele zu visualisieren. Mit 15 habe ich sicherlich noch geträumt, Profifussballer zu werden. Spätestens jetzt weiß ich, der Zug ist abgefahren. Ich bin zu alt. Aber auch mein Bewusstsein hat sich entwickelt und verhindert, dass es solche Träume zerstören muss, indem ich aus meinem Erfahrungsschatz schöpfe und solche Illusionen gar nicht erst aufbaue. Henry Miller hat behauptet – frei übersetzt – der Mensch sei auf der Suche nach dem Sinn des Lebens, weil es offensichtlich ist, dass das Leben keinen Sinn hat. Ich sehe den Sinn des Lebens primär im Leben an sich. Auch Miller fügt hinzu, man solle wachsam, glücklich und erfüllt, seiner Vorstellungskraft nach angemessen, genießen. Die Menschheit sollte sich damit anfreunden, ziellos zu sein und sich auf seine Natur besinnen, das Überleben zu sichern.

In Anbetracht dessen, dass bald 10 Milliarden Menschen auf diesem Planeten leben könnten, scheint es, der Mensch hat verstanden, sich fortzupflanzen. Jetzt gilt es, seinen Verstand zu benutzen. Familien brauchen keine zehn Kinder mehr, um fünf davon ins Erwachsenenalter zu bringen, um die Ernte zu sichern, denn Menschen werden jetzt wesentlich älter als noch vor 200 Jahren. Die ständig wachsende Bedrohung des Klimawandels ist eine mit noch ungeahnten Auswirkungen auf Flüchtlingsströme. Wer jetzt schon mit Immigranten hadert, sollte sich auf Größeres gefasst machen, wenn die ersten Menschen umsiedeln müssen, weil sie in unbewohnbaren Trockenregionen wohnen, oder ihr ursprünglicher Lebensraum unter Wasser steht. Die Flucht ist stets eine Form des Überlebenwollens – und immer auch eine Flucht vor menschengeschaffenen Problemen. Das Zeitalter des Anthropozän hat längst begonnen, begleitet von einem Artensterben, das größer ausfallen könnte als das der Dinosaurier. Wenn unser Sinn des Lebens das Weitergeben der Gene ist, sollten wir, als Überspezies, dann nicht dafür Sorge tragen, dass andere Spezies ihre Gene auch weitergeben dürfen? Wir haben zu lange den Lebenssaft dieses Planeten getrunken, ohne Rücksicht auf Verluste. Zeit, andere auch mal wieder naschen zu lassen.

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Andersartiger Lebenssaftnascher – ein Kea.

Die Frage nach dem Leben bringt mich unweigerlich auch zur Frage nach dem Tod. In der chinesischen Folklore gibt es die Geschichte einer alten Dame, die sagt sinngemäß: Im Leben gibt es genau zwei Dinge, die wir alle tun; geboren werden und sterben. Ersteres haben wir schon erledigt, warum also sollten wir uns mit dem Tod so beeilen? Auf meinen Traktorausflügen merke ich, dass mir danach ist, in den unendlichen Weiten des Universums zu schwelgen, um dann abends beim Blick in den Nachthimmel zu merken: Mann, bin ich eigentlich klein und unbedeutend. Es geht mir momentan darum, Momente des geistigen Höhenflugs mit trivialen Gedanken in Einklang zu bringen. Die Mischung ist hier das Geheimnis. Und Geduld. Geduld aufzubringen, wenn es um die Ergründung des Lebenssinns geht, ist nicht einfach. Es scheint momentan eine Volkskrankheit zu sein, an Bedeutungslosigkeit zu leiden. Das komplette System social media fußt seinen Erfolg darauf. Menschen leiden, weil sie sich unbedeutend fühlen. Ich glaube aber, dass keiner wirklich auf der Suche des Sinn des Lebens ist. Vielmehr wollen sie eine Heilung für ihre Bedeutungslosigkeit, um ihr Leben gesund leben zu können. Sie suchen nach einem Gegenmittel. Die Schwierigkeit dabei ist, wie bei so vielen Krankheiten psychischen Ursprungs, dass sie die Probleme nicht genau artikulieren können, es gibt sprachliche Barrieren. Social media existiert erst seit wenigen Jahren in dieser Form. Wir können hier nicht aus einem immensen Erfahrungsschatz schöpfen und so Patienten heilen, indem wir ihnen Geschichten früherer Schicksale erzählen. Wir teilen unsere Urlaubsbilder und Stories frei von der Leber weg. Warum sollten wir nicht auch unsere Sorgen teilen? Die Möglichkeiten gibt es ja fast unbegrenzt. Ich schreibe den Blog auch, um meine Gedanken zu teilen. Vom Moment der Geburt bis zum Tod sind wir Erzähler, unser Überleben hängt nicht nur von uns ab, sondern auch von unserem Umfeld, unseren Zuhörern. „All the world‘s a stage“ und wir sind alle Teil davon. Mal als Erzähler, mal als Zuhörer. Mein Mitbewohner hier in Neuseeland hat es ganz gut auf den Punkt gebracht. Die Welt ist gar nicht so schlecht. Im Gegenteil, wir leben auf einem wunderschönen Planeten, der ein paar Wehwehchen hat. Und Krankheiten kann man bekanntlich fast immer heilen.

Ich bin am Ende der Zwiebelreihe angelangt. Zeit aufzuwachen. Ich muss den Traktor wenden und brauche dafür alles Geschick der Welt und vollste Konzentration, um nicht im Graben zu landen – ich will überleben, der Tod kann gerne noch warten. Ich bin nicht in Eile.

3 Gedanken zu “¿Por qué?

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