Rugby

Das Wochenende steht ganz im Zeichen des Nationalsports der Neuseeländer: Rugby. Wenn ich an Rugby denke, habe ich augenblicklich Fleischberge vor Augen, die sich prügelnd um ein Ei streiten. Kurz: ich habe keine Ahnung. Das soll sich ändern.

Es ist Samstagmittag, wir haben vom Chef frei bekommen und wärmen uns im spätsommerlichen Pukekohe mit ein paar Bier und lustigen Trinkspielen auf. Gleich geht es ins Stadion nach Auckland, wo die Blues gegen die Force spielen. Ich weiß weder, ob es ein Ligaspiel ist, wer die Mannschaften sind, noch kenne ich mich regeltechnisch aus – von taktischen Feinheiten ganz zu schweigen. Aber das Bier schmeckt ausnahmsweise ganz gut und die Stimmung ist hervorragend. Ein paar Rugbyspiele habe ich im Laufe meines Lebens schon gesehen, aber nicht genug, um das Regelwerk verstanden zu haben. Im Zug frischt mein Mitbewohner mein Grundlagenwissen des Spiels auf: zwei Mannschaften á 15 Mann streiten sich um den Ball und versuchen, diesen hinter die gegnerische Torlinie zu tragen, der Ball darf dabei nur nach hinten gepasst werden. Klingt einleuchtend. Ich bin vorbereitet.

Ganz so simpel ist es leider nicht, doch der steigende Alkoholpegel in meinem Blut lässt mich übermütig zum Experten werden – da bin ich wohl wie der Rest der Deutschen. Der Besuch im Stadion verzaubert mich. Stimmungstechnisch habe ich zwar mehr erwartet, doch als europäischer Fußballfan ist das wohl normal (das Stadion war besser gefüllt, als es das Titelbild vermuten lässt). „Wir“ gewinnen das Spiel nach einem holprigen Start im Endeffekt recht souverän mit 24:15. Der Partynacht steht also nichts mehr im Weg.

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Doch was macht Rugby so attraktiv? Wie eingangs erwähnt, ist „Football […] a gentleman’s game played by ruffians and rugby is a ruffian’s game played by gentlemen.(„Fußball ist eine von Raufbolden gespielte Gentleman-Sportart und Rugby ist eine von Gentlemen gespielte Raufbold-Sportart“). Dieses Zitat, das übrigens Oscar Wilde zugeschrieben wird, beschreibt den Geist des Spiels hervorragend. Während im Fußball nach jeder härteren Körperberührung sterbende Schwäne auf dem Rasen liegen, putzt sich der gemeine Rugbyspieler kurz ab und rennt dann taktisch klug in den nächsten beinharten Zweikampf. Schiedsrichterentscheidungen werden respektiert und hingenommen. Diskussionen? Fehlanzeige! Lediglich der Kapitän darf höflich nachfragen, warum das Schiri-Trio die infrage gestellte Entscheidung gefällt hat. Hilfreich ist hier der Videoschiedsrichter, der bei strittigen Szenen immer eine endgültige Entscheidung trifft.

Darüber hinaus verbindet Rugby. In einem jungen, von Konflikten zwischen Siedlern und Einheimischen geprägten Land wie Neuseeland, in dem 65% der Bevölkerung europäische Einwanderer (Pakeha genannt) sind und etwa 15% den Māori angehören (den Rest lasse ich bewusst außen vor), ist Sport, wie so oft, ein Band zwischen Ethnien und Klassen. Natürlich darf ich die All Blacks nicht unerwähnt lassen, das Herz der Rugbynation, das Bindeglied zwischen jung und alt, arm und reich, Māori und Pakeha und nicht zuletzt auch als medienwirksam ausgestreckter Arm zwischen Neuseeland und dem Rest der Welt. Jeder ist fasziniert von der Magie des Teams, jeder kennt den Haka.

Obwohl viel Körperkontakt das Spiel dominiert und jeder gewinnen möchte, geht es vornehmlich darum, Respekt zu haben, Respekt vor dem Gegner, vor dem Spiel und vor dem Schiedsrichter. Es ist ein Charakterspiel, das noch nicht allzu lange professionell betrieben wird und immer noch mit dem Raufbold-Image zu kämpfen hat. Dies ist auch ein Grund, warum bei vielen Werbekampagnen die Werte so hervorgehoben werden: Respekt, Fair Play und Sportlichkeit. Ich bin überzeugt und froh, eine neue Sportart in meinem Fan-Portfolio begrüßen zu dürfen.

2 Gedanken zu “Rugby

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