Winiwini

Angst (winiwini auf Māori) bestimmt das Leben vieler Menschen. Unser Leben könnte in endloser Trauer darüber enden, nicht die Leben geführt zu haben, die wir hätten leben können, oder über die Leben, die wir nie geführt haben. Aber genau dieses Leiden, ob forciert oder ausgesucht, formt unseren Charakter und bestimmt, wer wir sind. „Zwischen dem Menschen, der wir eines Tages werden wollen und dem, der wir gegenwärtig sind, liegt Schmerz, Sorge, Neid und Erniedrigung,“ stellt Alain de Botton in seinen Meditationen über Nietzsche fest. Ein erfülltes Leben benötigt Schwierigkeiten. Wir umgeben uns mit Menschen, die uns inspirieren, anleiten und herausfordern. Darunter sind auch die, die wir anhimmeln, die, deren Leben wir führen wollen und die, mit denen wir auf keinen Fall tauschen möchten. Mittendrin stecken wir im von uns geschaffenen Abyssus zwischen dem, der wir sind und dem, der unser Ideal darstellt. Unsere Gesellschaft ist geplagt von einem Virus: der Angst, etwas zu verpassen.

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Das Leben, das wir nicht kennen, könnte lebenswert sein. Doch ist es auch wert, es kennenzulernen? Die Frage scheint angebracht wenn man bedenkt, wie viel Zeit unseres Denkens darauf verschwendet wird, darüber nachzudenken, was wir verpassen könnten. Das, nach dem wir lechzen, sind Erfahrungen, Dinge und Menschen, die in unserem Leben nicht präsent sind. In unserer Vorstellung ist die Abwesenheit dieser vermeintlichen Bedürfnisse das, was uns traurig stimmt. Stets müssen wir uns vorhalten, was wir im Leben nicht haben. Wir setzen die Welt damit unter Druck, immer alles auf Abruf haben zu wollen und zu müssen. Unser Appetit muss stets gestillt werden. Bereits als Kinder erfahren wir, was es heißt, etwas nicht zu bekommen – und leben dort schon mit dem Damoklesschwert über dem Kopf, unsere Wünsche nicht erfüllt zu wissen. „Wünsche“ sind dabei unser sprachlicher Deckmantel für Bedürfnisse – sie sind so lange Wünsche, bis wir sie erfüllt kriegen, ansonsten leben wir mit der Nichterfüllung und dem Hass auf unsere Bedürfnisse. Immer schweben wir dabei jedoch zwischen dem, was ist und dem, was hätte sein können. Den gelebten Konjunktiv lassen wir in dem Glauben weiter existieren, weil wir glauben, dieses andere Leben sei eine Option gewesen, aber aus irgendeinem Grund unmöglich. Im Anschluss verschwenden wir einen Großteil unseres Lebens darauf, Gründe dafür zu finden und darüber zu referieren.

Wie komme ich eigentlich gerade auf dieses Thema? Nachdem wir am Wochenende ein Rugbyspiel gesehen haben, fahren wir Sonntag spontan in den Park, um unser akquiriertes Wissen in der Praxis zu testen. Im Park spielen zwei Mädchenfußballmannschaften gegeneinander. Punktspiel zwischen zwei benachbarten Kleinstädten. Am Rand: Fußballeltern. Gescheiterte Existenzen, die ihre Ambitionen auf ihre armen Kinder projizieren und brüllend am Spielfeldrand ihre armen Kinder zu Überleistungen zwingen wollen, in der Hoffnung, dass wenigstens aus ihren genetischen Sprösslingen etwas wird. Soll ja schließlich nicht alles umsonst gewesen sein. Die ungelebten Leben der Eltern formen und prägen ganze Generationen.

Die Grundlage unserer Existenz ist nicht das unerreichbare Leben der anderen, sondern lediglich ein kosmischer Zufall. In einem Zeitalter, in dem der Mensch kulturell zu Großartigkeit verdonnert wird, ist es aber schwer, diesen Zufall zu akzeptieren. Alles muss optimiert sein, ob es der Ernährungsplan ist, die Arbeit, das Training, oder eben die Kinder. Zeit ist wertvoll und darf unter keinen Umständen verschwendet werden. Gleichzeitig versuchen Eltern auch noch, ihren Kindern jederzeit das Gefühl zu vermitteln, speziell zu sein. Zunächst wachsen wir also im Glauben auf, etwas Spezielles zu sein, nur um dann beim Heranwachsen zu merken, dass wir in einer Welt leben, in der wir nicht besonders sind. Wenn Menschen merken, wie insignifikant sie eigentlich im großen Bild Menschheit sind, tendieren sie dazu, sich Leben vorzustellen, in denen sie bedeutsam sind.

Die Frage ist also, was wir verpassen, wenn wir gedanklich einem anderen Leben nachgehen und das Bedürfnis haben, besonders sein zu müssen? Adam Phillips, Psychoanalytiker, behauptet, genau diese Frage sei die Grundlage für die Erfindung seines Berufsfeldes. Er meint weiter, dem Menschen ginge es immer darum, seine Lebenszeit zu optimieren. Deswegen halte sich der moderne homo sapiens auch ständig vor Augen, was sein Leben noch lebenswerter machen könnte, anstatt einfach den Moment zu genießen und auch mal Langeweile zuzulassen. Die Besessenheit, ständig alles zu verbessern und das ewige Schnell-Schnell in der heutigen Gesellschaft zerstört den Sinn des Lebens – das Leben an sich. Der von mir hoch geschätzte argentinische Philosoph Jorge Bucay legt seinen Lesern nahe, für sein nahes Umfeld immer das zu sein, was sie in ihrer Kindheit nicht hatten. Im Gegenzug scheint es nahe zu liegen, dass jeder sich mit Menschen umgibt, die einem das geben, was in der Kindheit gefehlt hat. Wir teilen unser Leben mit den Menschen, die wir potentiell hätten werden können. Doch anstatt de Botton und Nietzsche zu folgen und das Leiden als Schritt in Richtung Wachstum zu sehen, lamentieren wir und trauern dem Mythos hinterher, den unser Leben angeblich hätte darstellen können, wäre es anders verlaufen.

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Ähnlich verhält es sich mit der Liebe und der Beziehung mit „der Einen“. Die Eine ist eine vermenschlichte Projektion einer Momentaufnahme im Herzen. Die Eine ist so lange die Richtige, bis die Beziehung scheitert. Das Scheitern einer Beziehung ist also lediglich ein Produkt der Wahrscheinlichkeit und die Eine ist eben nicht die Herzensdame der letzten Beziehung, sondern die, die irgendwann nicht mehr wegläuft. Opportunismus pur. In diesen Beziehungen führt jeder Partner aber nicht nur die Beziehung mit dem anderen, sondern auch mit dessen unerfüllten Leben. Wir führen quasi Doppelleben, die unerfüllten Leben wohnen in uns und werden ein Teil von uns, sie sind Selbstheilung; für welches Problem ist oft nicht erkennbar, sie stellen lediglich die Lösung dar. Aus diesen Utopien lassen sich oft bessere Rückschlüsse auf die Entbehrungen im „echten Leben“ schließen als darauf, wie unsere „anderen Leben“ wirklich aussehen sollen.

Einen Impfstoff habe ich gegen diesen Virus noch nicht gefunden. Wir stellen für einen kleinen Kreis Menschen etwas Besonderes dar und sollten die Tatsache würdigen, dort emotionalen Halt zu bekommen und gleichzeitig zu geben. Jeder Mensch hat seine eigene unantastbare Würde und ist ein Wunderwerk der Natur. Ihm alles Spezielle abzusprechen würde das Herabwürdigen der Evolution bedeuten. Im Großen und Ganzen geht es doch hauptsächlich darum, dass sich viele Menschen viel zu ernst nehmen und nicht über sich lachen können. Dafür braucht es Courage. „Denn obwohl wir mit einer Hand das Ich kultivieren, drücken wir es mit der anderen Hand zu Boden. Von Generation zu Generation treiben wir unseren Kindern “dummes Zeug” aus und lehren sie zu sehen wo “ihr Platz” ist, und wie man als kleines Ich unter vielen anderen sich mit der angemessenen Bescheidenheit zu verhalten, wie man zu denken und zu fühlen hat.“, wusste schon der kluge Alan Watts. Anstatt seine Kinder anzulügen und in Watte zu packen wäre es sicherlich an der Zeit, ihnen Mut zum Versagen, zum Ausprobieren und zum Leben beizubringen – und zum Lachen. Hermann Hesse riet „Überseht doch die kleinen Freuden nicht!“

Ich möchte meine eingangs aufgeworfene Frage beantworten: lohnt es sich, das Unbekannte kennenzulernen? Nicht nur die Angst, etwas zu verpassen kann lähmen, sondern auch die Furcht davor, etwas zu verändern. Grundsätzlich ist jeder in der Lage, sein Leben nach seinen Möglichkeiten und Vorstellungen zu ändern, ohne einem anderen, nicht gelebten Leben hinterherzutrauern. Und wenn auch nur in kleinen Schritten. Träumen ist dabei unter Umständen hilfreich. Henry David Thoreau schrieb 1854 – und doch so zeitlos – in „Walden oder Leben in den Wäldern“: „Mit demselben Ernste […], mit dem wir alles zu erforschen und zu lernen wünschen, verlangen wir gleichzeitig, daß alles geheimnisvoll und unerforschbar bleibe, daß Land und Meer uns unerforschte und unergründete Rätsel bleiben, weil sie unerforschlich sind.“ Wir erfahren schon durch das bloße Eifern nach Befriedigung einen solchen Rausch, dass wir dort schnellstmöglich ankommen wollen, nur, um dann im eigentlichen Moment des Geschehens nicht in der Lage zu sein, anzuhalten und den Moment zu genießen. Wir sind von chronischer Unzufriedenheit geplagt. Warum nicht einfach mal den Kopf ausschalten und nicht forschen, was hinter der nächsten Hausfassade für ein Leben auf einen warten könnte, in den Sternenhimmel gucken und der eigenen Unbedeutendheit frönen? Wenn es gerade nicht wie aus Kübeln schütten würde – ein Grund für die Länge dieses Eintrags, ich langweile mich ja schon selbst – würde ich das jetzt auch machen.

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