Otium

Wir leben im Zeitalter der Arbeit. Wir trauern nicht, wir leisten Trauerarbeit, wir arbeiten an Beziehungen, Erziehung ist jetzt pädagogische Arbeit. Dieser sprachliche Unfug stellt sinnbildlich dar, in welcher gruseligen Situation sich die Gesellschaft momentan befindet. Wir sind so weit, dass wir das Verdienen des Lebensunterhalts mit Leben verwechseln. Freizeit ist schon lange nicht mehr die Regel, sondern ein Privileg, und ein Workaholic ist schon lange keine Ausnahmeerscheinung mehr, sondern ständiges Mitglied dieser Gesellschaft. Wir verbringen Stunden an einem Arbeitsplatz, der uns nicht zusagt, nur, um uns auf die Zeit nach der Arbeit zu freuen, in der wir leben dürfen. Es scheint fast, als müssten wir zunächst leiden, um uns freuen zu können. Dabei darf man nicht vergessen, mahnt Annie Dillard, „wie wir unsere Tage verbringen, so verbringen wir unser Leben.“ In seinem kleinen Meisterwerk „Muße und Kult“ aus dem Jahre 1947 kritisiert der deutsche Philosoph Josef Pieper die Tyrannei der Arbeit. Dieses Werk ist heute aktueller denn je. Ich nehme mir heute den Tag frei, um mich mit dieser Thematik genauer auseinanderzusetzen.

„ἀσχολούμεθα γὰρ ἵνα σχολάζωμεν…“

Wir arbeiten, um Muße zu haben…“ – Aristoteles

Mit Muße meint Aristoteles die arbeitsfreie Zeit, die jeder so nutzen kann, wie er möchte. Pausen während der Arbeit und Urlaub dienen nicht der Entspannung der Seele, sondern dafür, neue Kraft für anstehende Arbeit zu sammeln. Sie sind lediglich die kleinen Geschwister der Arbeit. Freizeit reift, wie die Arbeit, zum Stressfaktor, weil jede Sekunde sinnvoll genutzt werden muss, „ich habe ja schließlich frei.“ Der Griff zum Smartphone, um diese Momente dann auch noch audiovisuell festzuhalten, ist mittlerweile gang und gäbe – anstatt den Augenblick zu genießen, wird instinktiv überlegt, wie er sich, am besten mehrfach und unendlich, reproduzieren und wieder erleben lässt. Das Gefühl, das man in dem Moment erlebt, den man unbedingt festhalten möchte, lässt sich nicht noch einmal generieren, schon gar nicht forciert und künstlich. Ich nehme mich da nicht aus – auch ich schieße gerne Fotos oder nehme Videos auf. Momentan versuche ich aber, die Zeit, in der ich das Handy zum Fotoschießen in der Hand halte, wirklich nur auf den Schnappschuss zu reduzieren und dann weiter zu genießen. Mama will ja schließlich wissen, wie es hier aussieht.

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So sieht’s hier aus, Muddi!

Otium, oder Muße, im Gegensatz, ist nicht dazu da, um neue Arbeitskraft zu sammeln, sondern, um uns an unserer Existenz zu erfreuen. Die hochgepriesene „digitale Entgiftung“, die wir alle im Urlaub suchen hat nichts mit Muße zu tun, weil wir nach dem Urlaub sofort in alte Muster verfallen. Muße ist das aktiv-passive Aufnehmen seiner Umwelt, das Sich-Bewusstwerden und Kontemplieren der eigenen Existenz auf diesem Planeten, das Geschenlassen der Welt, es ist der Ausbruch aus der erschreckenden Dominanz der Arbeitswelt – ein fast tranzszendales Erlebnis.

„Muße ist eine Gestalt jenes Schweigens, das eine Voraussetzung ist für das Vernehmen von Wirklichkeit: nur der Schweigende hört; und wer nicht schweigt, hört nicht.“ – Josef Pieper, Muße und Kultur.

Muße ist zwecklos – und dennoch, oder gerade deshalb – höchst sinnvoll verbrachte Zeit. Auf meinem Osterspaziergang merke ich, Muße ist die Zeit, in der ich völlig frei bin. Ich bin ich. Ohne gesellschaftliche Verpflichtungen. „Hier bin ich Mensch, hier darf ich‘s sein“! Die Zivilisation hat verlernt, Langeweile zuzulassen und versucht, jede freie Möglichkeit mit Apps, TV-Sendungen oder Objekten zu füllen. „Die Menschen haben keine Zeit mehr, irgendetwas kennen zu lernen. Sie kaufen sich alles fertig in den Geschäften. Aber da es keine Kaufläden für Freunde gibt, haben die Leute keine Freunde mehr.“ – beängstigend aktuell, Saint-Exupérys Fuchs in „Der kleine Prinz“.

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Fuchs und Prinz.

Muße heißt auch, Langeweile zulassen zu können; es ist keine vergeudete, passive Zeit, sondern versetzt einen in ein Stadium höchster Aufmerksamkeit, alle Sinne werden angesprochen und können die Schönheit dieses Planeten aufsaugen. Kein Wunder, dass einige der größten Entdeckungen der Menschheitsgeschichte nicht unter Zeitdruck das Licht der Welt erblickten – zum Beispiel, wie Galileo die moderne Zeitmessung revolutionierte. Es ist die Zeit, in der wir uns für nichts rechtfertigen müssen, schon gar nicht vor der eigenen Ehefrau (unbedingt angucken!) :

Wenn wir also Ferien im ursprünglichen wörtlichen Sinne nehmen – „Die innere Festlichkeit des Feiernden gehört, wie auch das unvergleichliche deutsche Wort ‚Feierabend’ zu bedenken gibt, zum Kern dessen, was wir mit Muße meinen. […],“ oder Englisch holiday, aus holy (heilig) und day (Tag) zusammengesetzt – entwickeln wir oft ein völlig neues Zeitgefühl; die Tage scheinen andere Strukturen zu haben, mal sind sie langsam, während wir in der Hängematte liegend ein gutes Buch lesen und Smoothies trinken, mal rasend schnell, wenn wir zu karibischen Beats am Strand tanzen und Mojitos schlürfen. Diese Frei-Zeit hat eine ganz andere Dynamik – sie zeigt uns, was passiert, wenn man das Leben einfach geschehen lässt, ohne Termindruck und Verpflichtungen.

In Japan existiert ein Wort, das den Tod durch Überarbeiten beschreibt: Karōshi (jap. 過労死). Die Japaner arbeiten sich zu Tode, nehmen sich keine Zeit mehr für Raum und Zeit für Aktivitäten ohne Zwecksetzung, für Aktivitäten um ihrer selbst willen. Zur Muße, von griechisch „schole“, gehören Erziehung, Sport, Gottesdienst, Essen, Gespräche, Schauspiel. Ohne Muße kann keine humane Kultur entstehen. Bei Seneca heißt es cultura animi, die Pflege des Geistes, die die geistigen Errungenschaften einer Gesellschaft bezeichnet und aus der die Kultur einer gerechten, freien Gesellschaft entsteht. Erst die Kultur macht eine Gesellschaft für Menschen lebenswert. Ironischerweise hat gerade das Japanische Volk eine großartige Kultur, und diese spielt eine große Rolle im Leben der Japaner. Natürlich braucht die Menschheit zur Sicherung der eigenen Spezies Arbeit zur Sicherung von Nahrung und der materiellen Produktion, sie braucht aber auch Ruhe und Zeit für kulturelle Entwicklung. Das Phänomen Karōshi wird dem wirtschaftlichen Aufschwung Japans nach dem Zweiten Weltkrieg zugeschrieben. Zwar haben Japaner immer noch eine der höchsten Lebenserwartungen der Welt, doch hat sich diese in den letzten Jahren von etwa 83 Jahren auf schätzungsweise 77 Jahre reduziert. Ob es einen Zusammenhang gibt, ist mir allerdings leider nicht bekannt.

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Im Gegensatz zur Überarbeitung steht die Vergnügungsindustrie. Sie versucht, die Lücke des Nichtarbeitens zu schließen und den Menschen zu helfen, seine verfügbare Freizeit zu nutzen. Eine Goldgrube. Die Industrie hat erkannt, woran es den Menschen fehlt. Die Angst, etwas zu verpassen (FOMO, fear of missing out) triggert das Bedürfnis nach Höher, schneller, weiter – the sky is the limit. Um das irgendwie zu rechtfertigen, haben wir den kruden Terminus „work/life balance“ erfunden. Wir versuchen, Arbeit und Leben in einen Balance zu bringen. Unsere Leben-zur-Arbeit-Beziehung wird im Wesentlichen durch drei Faktoren bestimmt, die das menschliche Bedürfnis nach Zugehörigkeit prägen: das Verlangen nach Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe und die Beziehung zu bestimmten Personen oder lebenden Objekten; zweitens durch Arbeit, und, drittens, durch das Verhältnis zu sich selbst. Alle drei Beziehungen sind lebenslang geführte Verbindungen eines jeden Individuums mit dem Rest der Welt. Wir müssen in allen drei Bereichen hart arbeiten, was im Endeffekt oft dazu führt, dass wir einen Bereich vernachlässigen, um mehr Energie für die anderen beiden zu haben.

Anstatt also zu versuchen, diese drei in Einklang zu bringen und eins im Zweifel sogar zu vernachlässigen, wäre es angebracht, alle als ein großes Kommunikationsdreieck zu betrachten, das einen umgibt. Die einzelnen Bereiche hinterfragen sich kritisch, kommunizieren und regen so dazu an, die bestmöglichen Lösungen auf die aufgeworfenen Problem der einzelnen Bereiche zu finden. Dass dabei Priorisierungen auftreten ist logisch. Das Zünglein an der Waage ist dann eventuell doch die Instabilität des Ichs. Stimmungsschwankungen, Interessenverschiebungen, das eigene Ich überrascht uns doch immer wieder aufs Neue und formt täglich andere Wünsche darüber, wie es mit dem Rest der Welt kommunizieren möchte. Da sich der Rest der Welt aber auch ändert und unser Ich beeinflusst, ist dies ein konstanter Kreislauf von Kompromissen. Im Endeffekt sind wir alle wie Wasser und suchen uns den Weg des geringsten Widerstands – der ändert sich, abhängig von dem Terrain, auf dem wir uns gerade befinden. Sich selbst zu vernachlässigen, beraubt uns der Kraft, um uns auf unsere externen Beziehungen zu konzentrieren. Wer mit sich selbst nicht im Einklang ist, tendiert dazu, sich selbst in alle Himmelsrichtungen zu prostituieren, um möglichst viel Liebe von allen Seiten zu erfahren – den falschen Seiten.

Die Beziehung mit uns stellt uns vor existenzielle Lebensfragen und zeigt uns unsere Sterblichkeit auf. Stehenzubleiben und dieser Fratze ins Auge zu sehen, erfordert Mut. Gandalf weiß: Wir müssen nur entscheiden, was wir mit der Zeit anfangen wollen, die uns gegeben ist.“ Wir haben im Leben nicht ewig Zeit. Worauf warten wir also? Richtig scheint, das Leben im nietzscheschen Sinn „gefährlich leben!“ zu wollen. Hier in Neuseeland werde ich ständig mit Werbung bombardiert und gefragt, ob ich denn nicht endlich Bungee-Springen, Skydiven oder Wildwasserraften möchte. Klar, gerne, aber nicht jetzt. Jetzt möchte ich einfach nur hier sitzen.

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