Amore

„Die meisten Menschen sehen in dem Problem des Liebens in erster Linie das Problem, selbst geliebt zu werden, und nicht so sehr das Problem des Liebens, der eigenen Fähigkeit zu lieben.“ – Erich Fromm, Die Kunst des Liebens.

Eine richtige Beziehung kann nur funktionieren, wenn wir uns auf das Lieben konzentrieren und die infantile Sucht nach dem Geliebtwerden ablegen. Dieses Bedürfnis wird uns wortwörtlich in die Wiege gelegt. Als Kind ist es die Norm, geliebt zu werden. Alles, was man dafür leisten muss, ist sich ab und zu mal auf den Bauch zu drehen, zu lachen oder einen Keks in die ach-so-süßen Händchen zu nehmen und ungelenk damit herumzufuchteln. Im Gegenzug erhalten wir Essen, Zuneigung, Zeit; unsere Eltern räumen auf, haben grundsätzlich gute Laune und sind immer warm und behutsam. Sie zeigen nicht, wenn es ihnen schlecht geht, sie müde sind oder einfach keine Lust haben. Die gesamte Beziehung ist nicht reziprok, Eltern lieben uns bedingungslos und erwarten nicht, diese Liebe in irgendeiner Form erwidert zu kriegen. Obwohl beide lieben, befinden sie sich an völlig unterschiedlichen Punkten in dieser Beziehung.

Wenn wir also erwachsen werden und von Liebe sprechen, meinen wir eigentlich, dass wir geliebt werden wollen. Am besten so, wie uns unsere Eltern geliebt haben. Bedingungslos. Wir suchen jemanden, der uns jeden Wunsch von den Lippen abliest, der unendliche Geduld hat, jemanden, der selbstlos handelt und alles besser macht. „Catastrophe!“ Um eine funktionierende Beziehung zu führen, müssen wir also tatsächlich erwachsen werden; wir müssen unser Verlangen nicht nur unterordnen können, sondern, darüber hinaus, auch bereit dazu sein, die Bedürfnisse eines anderen, zumindest für einen kurzen Zeitraum, völlig über die eigenen zu stellen. Das ist wahre, erwachsene Liebe.

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Wo die Meere Liebe machen – Cape Reinga.

Das führt mich zum nächsten Punkt: Selbstliebe. Sie ist auch der Grund, warum ich mich emotional-wissenschaftlich mit dem Thema Liebe auseinandersetzen wollte. Auf meiner Reise frage ich mich oft, wer ich eigentlich bin und ob ich mich und das, was ich hier mache, überhaupt mag. Diese Selbstreflexion hat noch kein Ende gefunden, doch einige Erkenntnisse zutage gebracht. Zu meiner Seelenerholung gesellt sich harte körperliche Anstrengung beim Wandern, um dem Geist Ruhe zu verschaffen. Am meisten lerne ich aber von der Lektüre hochinteressanter Bücher der geistigen Elite: Schopenhauer, Nietzsche, Jung, Freud, Fromm und viele weitere schärfen meine Sinne für das Leben und mich selbst. „Ein Verstand braucht Bücher wie ein Schwert den Schleifstein,“ sagt auch der neunmalkluge, vielbelesene Tyrion Lannister. Ich wetze fleißig weiter.

„Die Liebe zu anderen und die Liebe zu uns selbst stellen keine Alternative dar; ganz im Gegenteil wird man bei allen, die fähig sind, andere zu lieben, beobachten können, daß sie auch sich selbst lieben. Liebe ist grundsätzlich unteilbar; man kann die Liebe zu anderen Liebes-„Objekten“ nicht von der Liebe zum eigenen Selbst trennen.“ – Erich Fromm, Die Kunst zu Lieben.

Einer der Gründe, warum wir uns in andere Menschen verlieben, ist, dass wir vor uns selbst flüchten wollen. Wir verlieben uns in nicht nur in einen Menschen, sondern auch in die Idee, dass diese Person die Lücken im Leben füllen kann, die wir selber nicht schließen können – aus Angst, etwas zu verpassen. In dem anderen sehen wir die Schönheit, Stärke und Perfektion, die wir an uns vermissen. Liebesgeschichten sind oft mit Frust verbunden. Frust darüber, dass wir in uns etwas vermissen, dass ein anderer verkörpert. Wir realisieren dies aber erst, wenn wir den anderen kennenlernen. Es ist befriedigend und verstörend frustrierend gleichzeitig. Paradox ist dabei, dass wir die uns völlig fremde Person in gewisser Weise bereits kennen, in die wir uns verlieben, weil wir uns – wenn auch nur unterbewusst und in unseren Träumen – diese Person schon des Öfteren vorgestellt haben. Es handelt sich dann im buchstäblichen Sinne um die Traumfrau oder den Traummann. Daher rührt auch das Gefühl, den anderen schon ewig zu kennen. Jeder wartet quasi auf diesen Partner – und erwartet aber auch, dass dieser Partner um die Ecke kommt. Umso erstaunlicher ist es, was passieren kann, wenn wir uns nicht selbst mögen, aber eine andere Person die Frechheit hat, uns plötzlich zu lieben. Nichts könnte sie schneller diskreditieren. Wie kann eine gottesgleiche Person einen solch schlechten Geschmack haben und sich uns aussuchen? Ohne die Liebe zu uns selbst findet die Liebe eines anderen keinen gesunden Nährboden und geht ein. Beziehungen, auch die zu einem selbst, sind eine Charakterfrage. Überwiegt der Selbsthass in einem, führt das dazu, dass der zurückgeliebte Partner den anderen vertreibt, und Ausreden erfindet, weil er nicht gut genug sei.

Selbstliebe ist essentiell für jedes Wohlgefühl. Sie steht im direkten Zusammenhang mit dem Leben des gleichgeschlechtlichen Elternteils. Die Wurzel liegt also in der Antwort auf die Frage, ob ich in meinem Leben mehr erreicht habe als mein Vater. Des Weiteren spielt der Vergleich von sich selbst mit Gleichaltrigen, mit denen man aufgewachsen ist, die im gleichen Erdteil leben und mit denen wir zusammen zur Schule gegangen sind, eine große Rolle. Diese „peer group“ ist wesentlich wichtiger für unser Selbstwertgefühl und die Selbsteinschätzung als der Rest der Welt. Jedes Mal, wenn einer unserer Peers etwas großartiges erreicht, stirbt ein kleiner Teil in uns. Ein weiterer Faktor ist die Liebe, die wir in unserer Kindheit erfahren haben. Viel hängt davon ab, welche Form von Liebe wir wie erfahren haben, genauer: wie viel mussten wir leisten, um geliebt zu werden? Elternliebe kann natürlich auch an Bedingungen geknüpft sein, da habe ich oben ein wenig zu großzügig geurteilt. Jeder kennt die Kinder, die anhand ihrer Noten beurteilt und behandelt wurden. Auswirkung? Selbsthass, wenn man es nicht schafft, die gewünschten Noten zu erreichen, wenn man es nicht schafft, jeden in seinem Umfeld zu beeindrucken. Diejenigen, die bedingungslose Liebe erfahren haben, sind hingegen sehr zufrieden damit, einfach nur zu existieren. Sie werden in der Balance gehalten durch das Wissen, dass sie früher kompromisslos und unermesslich geliebt wurden. Oftmals aber hassen wir uns für etwas, das wir uns nicht selber zugefügt haben, sondern durch andere Hände zugefügt wurde. Unser Charakter hat sich nicht durch unser Zutun entwickelt sondern, ganz im Gegenteil, wurde maßgeblich durch andere geformt, sei es mental oder körperlich.

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Alte Liebe rostet nicht.

Es geht also vor allem darum, seine Vergangenheit zu kennen und zu wissen, woher der Selbsthass kommt. Wie und ob wir konditioniert wurden spielt dabei eine ebenso große Rolle wie die Frage nach der Liebe, die wir erfahren haben. Selbstliebe ist eine Frage der Psychologie und nicht daran geknüpft, was wir ökonomisch betrachtet im Leben erreicht haben.

Liebe ist eine kulturelle Erfindung und wir haben wahrscheinlich noch lange nicht das Ende ihrer Evolution erreicht. Der erste Schritt der eigenen Evolution ist wohl das Erwachsenwerden und das kritische Hinterfragen der eigenen Gefühlswelt. Stört mich mein Hüftspeck wirklich, oder bin ich nur sauer auf mich, weil ich nicht in der Lage bin, mein Ziel abzunehmen ernsthaft zu verfolgen? Lache ich gerade herzlich, weil ich es schön und lustig finde, oder setze ich eine Maske auf? Hat man diese verstanden und ist in der Lage, dazu präzise Angaben zu machen und herauszuarbeiten, was einen gerade stört, aufregt oder glücklich stimmt, hat man eine gute innere Balance gefunden, die eine wichtige Stütze für die Selbstliebe darstellt. To love without knowing how to love wounds the person we love, sagt der große Zenmeister Thich Nhat Han, „wer nicht weiß, wie man liebt, verletzt den Menschen, den man liebt.“ Essentiell ist: Wer sich nicht selber lieben kann, kann auch andere nicht lieben. Sich selbst lieben zu lernen ist also wahrscheinlich die romantischste Geste, die man seinem Partner machen kann.

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