Pacu Jawi

Es soll wohl einfach nicht sein mit mir und dem Fliegen. Nachdem mir das Wetter schon einen Strich durch die Rechnung machte, als ich in Taupo Fallschirmspringen wollte, sitze ich jetzt auf der Veranda meines Bungalows am Ufer des Duna Maninjau, bereit, von meinem Fahrer in luftige Berghöhen gebracht zu werden, und: es regnet. Eigentlich wollen wir heute Paragliden, eine Dreiviertelstunde ins Tal des Vulkansees segeln, aber daraus wird wohl nichts. Es sei denn, der Himmel klart noch auf. Unwahrscheinlich.

44

Die 44 ist nicht etwa eine Neuinterpretation der Douglas-Adams’schen Antwort auf alle Fragen des Lebens – die ist weiterhin 42 – sondern die Anzahl der Kehren, die wir bezwingen müssen, um von der Hochebene in den Talkessel und zu unseren Bungalows zu gelangen. Auf dem Weg fahren wir von Bukittinggi durch schöne Schluchten, an unzähligen Reisterrassen vorbei und halten an einer Zuckerfabrik, wo uns die Bauern erklären, wie sie braunen Zucker produzieren. Gut, Fabrik ist übertrieben, es ist eine Bambushütte. Das macht es aber nicht minder spannend. Indes klart der Himmel nicht auf – alle guten Dinge sind bekanntlich drei. Vielleicht klappt es mit dem Fliegen ja im dritten Anlauf.

Weit und breit sind keine westlichen Touristen zu sehen. Kaum ein Einheimischer spricht Englisch, weswegen es von Vorteil ist, dass wir von Ali begleitet werden, unserem Guide, den ich bereits auf dem Flug von Kuala Lumpur nach Padang traf und der zufällig im selben Hostel arbeitet, in dem wir in ‚Buki‘ untergekommen sind. Er glaube nicht an solche Zufälle und stellte sich ob dieser Fügung in unseren Dienst.

Er zeigt sich auch dafür verantwortlich, dass wir Zeugen eines der spektakulärsten Sportereignisse West-Sumatras werden, dem Ochsenrennen Pacu Jawi. Wenn ich schon nicht ins Tal segeln kann, darf ich wenigstens den Kühen dabei zusehen, wie sie über die Felder fliegen. Pacu Jawi (Pacu bedeutet Rennen, Jawi ist der Ochse), ist eine alte indonesische Tradition, die das Ende der Reisernte markiert. Die Teilnehmer: mutige Fahrer, die auf Holzkonstruktionen balancierend hinter zwei Ochsen über die abgeernteten Reisfelder gezogen werden. Einziger Halt hierbei sind die Ochsenschwänze, um die Kühe anzutreiben, beißen die Bauern ihnen regelmäßig in die selbigen. Sieger gibt es keine, die Fahrer werden vom Publikum allerdings danach beurteilt, wie lange sie geradeaus fahren können und wie die Ochsen zusammenarbeiten. Das Spektakel, bei dem die Tiere nicht sonderlich sanft angefasst werden, ist ein berauschendes Fest für jung und alt, bei dem geguckt wird, ob die Ochsen gehorchen, gesund sind und wie sie sich auf dem Feld verhalten. So erzählen es mir zumindest die Locals. Ziel ist es, seine Ochsen gewinnbringend an die zuschauenden Reisbauern zu verkaufen.

Durch den Dreck gezogen – im wahrsten Sinne des Wortes.

 

In Deutschland wäre eine solche Veranstaltung undenkbar. Nicht nur Tierschützer würden auf die Barrikaden gehen, auch sicherheitstechnisch würde kein Veranstalter Genehmigungen für dieses Ochsenrennen erhalten. Umso mehr genießen wir die hervorragende, ausgelassene Stimmung, essen großartige lokale Köstlichkeiten und posieren für das ein oder andere Foto. Wie gesagt, Touristen sind in dieser Gegend Mangelware und beliebte Fotoobjekte. Bei der derben Schlammschlacht vergesse ich beinahe, dass ich heute morgen eigentlich sanft durch die Lüfte segeln wollte.

2 Gedanken zu “Pacu Jawi

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