Airport

Klatschnass, euphorisiert und überwältigt kommen wir völlig erschöpft in Bukit Lawang an. Wir waren im Dschungel. Die Erlebnisse habe ich noch nicht verarbeitet, weswegen ich mich zunächst mit dem zweiten Teil des heutigen Abenteuers befasse: meiner Fahrt von Bukit Lawang im dichten Urwald des Leuser Nationalparks nach Medan, der drittgrößten Stadt Indonesiens. 2 Millionen Einwohner und ich mittendrin. Ahnungslos. Die größte Stadt, in der ich bisher war, war New York City, die Grand Dame unter den Metropolen. Die 2 Millionen Medanis lassen NYC klein erscheinen. Alles lebt, alles wuselt, es ist heiß und es stinkt. Dass hier nicht auf jeder Kreuzung Menschen im Minutentakt verunfallen ist unverschämtem Glück und der indonesischen Unbefangenheit im Verkehr geschuldet, der irgendwie funktioniert. Einer unserer Fahrer sprach von Instinkt. Hauptsache, es läuft.

Normalerweise habe ich einen wirklich sehr guten Orientierungssinn. Normalerweise. Der Bus fährt aus dem Westen in die Stadt, so weit kann ich noch folgen, doch ab da verliere ich die Orientierung. Englisch, ich wiederhole mich gerne, spricht hier keiner. Das kann spannend werden. Kaum formuliere ich diesen Gedanken, steigt mein Schutzpatron in den Bus: Andi. Andi, der in Wirklichkeit gar nicht so heißt, aber wie so viele Indonesier einen verwestlichten Namen führt, spricht Englisch. Smalltalk läuft, wo ich denn hinwill. „Airport.“ Alles klar, kennt er.

Wir steigen irgendwo mitten auf der Hauptstraße aus, ich zahle zu viel und hänge mich an Andis Fersen. Dieser wird gleich von kriminellen Gestalten bedrängt, ob ich denn ausraubbar sei. Er verneint. Irgendwo im stadtinternen Megastau kommt meine gelbe Rettung angefahren. Alleine hätte ich dieses, ich nenne es mal freundlich Auto, nicht erkannt. Wir zwängen uns auf eine überdachte Ladefläche, aus dem Kofferraum ertönt ein fetter Bass ohne dazugehörige Melodie. Spätestens jetzt habe ich keine Ahnung mehr, wo wir uns befinden. Wir fahren eine Weile und steigen wieder im Wirrwarr aus. Es sieht alles gleich aus. Andi ist aber mit einer Engelsgeduld gesegnet, nachsichtig ob meiner Unwissenheit und bringt mich sogar zu meinem nächsten Bus. Es ist der letzte des Abends, der mir dienlich sein kann. Glück gehabt. Mittlerweile bin ich seit sechs Stunden unterwegs. Im klimatisierten Bus frage ich mich das erste Mal, wo der Flughafen  überhaupt ist. Keine Ahnung. Natürlich nicht. Ich lasse mich überraschen.

Die Fahrt führt vorbei an grellen Reklametafeln, hupenden Autos und zahllosen Fressbuden. Tengo hambre, mir knurrt der Magen. Geld habe ich kaum noch, 37.000 Rupiah, etwa 2,50€ ob das bis zum Flughafen und für Futter reicht? Nicht einmal das weiß ich. Über die Boxen im Bus schallt passenderweise „Where are you now?“ durch das rasende Gefährt – „auf einer Mautstraße“ kann ich da ganz pragmatisch antworten, „mit flackernder Lichthupe bei 100km/h 2 Meter hinter einem schwarzen Toyota hängend.“

Ich höre das erste Mal das Wort „Airport“, als der Busfahrer mir 20.000 Rupiah abknüpfen will. Soll er haben. Ein Lichtblick. Wir erreichen den Flughafen tatsächlich unversehrt. Zeit, mir Nahrung zu beschaffen und die Erlebnisse im Urwald zu rekapitulieren. Damit ist nicht nur mein erster Reiseabschnitt in Indonesien beendet, sondern auch mein erstes asiatisches Großstadtabenteuer – und dabei war ich nur auf Durchreise in Medan. Für Spannung, schweisstreibenden Rucksacktourismus und völlige Planlosigkeit muss ich also nicht erst in den Dschungel fahren, der Häuserwald reicht. Bangkok kann kommen.

2 Gedanken zu “Airport

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