Kontrastprogramm

Unser Bus kämpft sich jetzt bereits seit mehreren Stunden durch die Berge zwischen Đà Lạt und Nha Trang. Plötzlich ein Aufschrei, kollektives Durchatmen und dann Stille. Das rechte Vorderrad ist von der Fahrbahn abgekommen und schwebt über dem Abgrund, der Busfahrer reißt reflexartig das Lenkrad nach links und korrigiert seinen Fehler. Das war richtig knapp. Jeder im Bus weiß das. Ähnlich wie nach heftigen Turbulenzen im Flugzeug ist es erst totenstill, bevor hysterisches Gelächter und Gesabbel ausbricht. Ich drehe meine Musik auf und starre entgeistert aus dem Fenster. Der Busfahrer hat sich wohl auch leicht besudelt, denn er fährt jetzt wesentlich langsamer. Die pittoreske Landschaft zieht an uns vorbei. Ich atme durch und fange an, mich langsam zu entspannen.

Nha Trang

Und dann das. Nha Trang. Mein fleischgewordener Albtraum. Das Hostel ist gemütlich und abseits vom Trubel. Als ich aber in die Haupstraße einbiege, kann ich kaum glauben, was ich sehe. Hotelburgen säumen die Strandpromenade, Restaurant reiht sich an Verkaufstand, reiht sich an Hotel. Alles schreit Konsum. Wie und wo bin ich denn hier gelandet? Dieses planlose Reisen hat manchmal auch seine Nachteile. Wenn ich gewusst hätte, wie es hier aussieht, hätte ich niemals hier angehalten. Nha Trang stellt sich als Hochburg des chinesischen und russischen Tourismus in Vietnam heraus. Die wollen bekanntlich unter sich sein und Geld aus dem Fenster werfen. Jede Pore dieser Innenstadt schreit genau danach. Innerlich schreie ich auch: ‚Weg hier!‘ Ich mache das Beste aus der Misere, treibe Sport, lasse mich frisieren, rasieren und massieren. Streetfood finde ich erst, nachdem ich mehrere Kilometer in den Gassen abseits des Touristenwahnsinns danach suche. Gut ist es nicht. Ich steige in den Nachtbus, treffe meine Germans wieder, die zufällig denselben Bus nehmen und hoffe auf weniger Nahtoderfahrungen.

Nha Trang – abends wimmelt es hier nur so von Menschen.

Hội An

Die ersten Stunden Fahrt gestalten sich ähnlich nervenaufreibend, kaum einer im Bus kann sich entspannen, geschweige denn schlafen. Der Fahrer rast, hupt und fliegt durch die Kurven. Wird schon. Wir kommen tatsächlich heil in Hội An an. Ich laufe zum Hostel und meine Laune steigt. Hội An ist wunderschön. Die ehemals größte Handelsstadt Südostasiens ist zwar auch touristisch, aber eher verhalten. Die Altstadt ist gut erhalten und hat ein magisches Flair. Es ist mit Sicherheit die romantischste Stadt, die ich in Asien bis jetzt gesehen habe. Auch hier kann man überall konsumieren, ein Lädchen liegt hier neben dem anderen. Aber es ist nicht dieser grelle, widerliche Konsum, hier geht es tatsächlich um Handwerk und Kunst. Bereits jetzt weiß ich, dass ich hier mindestens noch eine weitere Nacht verbringen möchte.

Cà phê sữa nóng, Cao lầu und Mì Quảng

Habe ich eigentlich schon vom vietnamesischen Kaffee geschwärmt? Cà phê sữa nóng ist die Variante Milchkaffee, die es mir besonders angetan hat. Normalerweise wird dieser kalt mit Eiswürfeln getrunken. Da ich von kaltem Kaffee aber Schlafprobleme kriege, trinke ich ihn heiß. In den kleinen Gassen der Altstadt Hội An schmeckt er gleich doppelt so gut.

Das Essen in Zentralvietnam unterscheidet sich vom Rest des Landes. Lokalspezialitäten sind Cao lầu und Mì Quảng. Das Nudelgericht Cao lầu gibt es nur hier – ich muss es also probieren. Und es schmeckt köstlich. Mì Quảng ist ein anderes zentralvietnamesisches Nudelgericht – natürlich – und schmeckt mir noch besser als Cao lầu. Ich kann eine absolute Empfehlung für das Restaurant Mì Quảng Ông Hai – Mr. Hai Noodles aussprechen. Nach einhelliger Meinung aller Locals, die ich gefragt habe (hier sprechen erstaunlich viele Menschen Englisch) der beste Ort, um Mì Quảng zu essen.

Nach dem Essen im Mì Quảng Ông Hai – Mr. Hai Noodles bietet es sich an, einen kleinen Abstecher in die Art Gallery von Réhahn um die Ecke zu machen. Auf wenigen Quadratmetern präsentiert der französische Künstler eine Auswahl seiner Fotos, die er in abgelegenen Dörfern Vietnams geschossen hat. Einige dieser Enklaven kann man nur mit Sondergenehmigung besuchen. Seine Portraitfotografie sucht in diesen Breitengraden seinesgleichen. Hier habe ich mich auch mit Postkarten eingedeckt, wird langsam mal Zeit, dass ich ein paar nicht-digitale Lebenszeichen verschicke.

Fotokredit: Réhahn Photography – Instagram // Website

Hội An ist magisch und hat mich vollkommen in seinen Bann gezogen. Wer nach Vietnam kommt, muss (!) sich diese Hafenstadt mit ihrer UNESCO-Welterbe-Altstadt angucken. Vom Busfahren habe ich erstmal genug. Ich bleibe hier definitiv noch ein paar Tage und genieße die Atmosphäre, das geniale Wetter, guten Kaffee und hervorragendes Essen.

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