Orang-Utan

In meiner Hängematte auf Koh Phangan liegend, dem Geschnatter der Geckos zuhörend, habe ich endlich Zeit gefunden, die Erlebnisse aus dem Gunung Leuser Nationalpark zu verarbeiten. Zwei Guides holen uns nach einem umfangreichen Frühstück am Hotel ab und weisen uns kurz ein. Es wird ein Zwei-Tages-Marsch, die Wahrscheinlichkeit, dass wir Orang-Utans sehen – das Hauptziel fast aller Touristen vor Ort – beträgt 85%. Klingt ausgedacht, aber unsere Führer sind zuversichtlich (wie das Titelbild vermuten lässt: wir haben tatsächlich welche gesehen). Wir sprühen uns noch mit so viel Anti-Moskito-Spray ein, dass wir in einer Wolke aus beißendem Gift laufen. Die Viecher finden uns trotzdem. Malaria gibt es hier aber eh nicht. Behaupten die Guides. Ärzte vor Ort sagen was anderes. Wie dem auch sei, wir sind furchtlos. Und nach drei Minuten Fußmarsch komplett nass geschwitzt. Es ist tropisch feucht, schwül-heiß. Perfektes Wanderwetter. Aus Bukit Lawang marschieren wir vorbei an Gummibaum- und Palmöl-Plantagen. Letztere sind eine unmittelbare Bedrohung für das Ökosystem Leuser und mit verantwortlich für den Klimawandel (wer mehr wissen möchte, kann z.B. hier oder hier mehr erfahren). 

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Bukit Lawang.

Unsere Guides sind aufmerksam und zeigen uns Essbares, Giftiges, Fliegendes, Kriechendes und Fließendes. Der Weg ist am Anfang noch angenehm flach, wird aber schnell fordernd. Das ein oder andere „Hati-Hati!“ schallt durch den Dschungel – Achtung, Achtung! Jeder rutscht weg, klammert sich mühsam an Lianen und Gestrüpp oder versucht verzweifelt, bei der Flussüberquerung nicht nass zu werden. Es ist ein richtiges Kletterabenteuer, das unsere zwei Verletzten Mitstreiter mit Bravour erledigen. Das können sie besser als Rollerfahren. Vor wenigen Tagen beschlossen die beiden, auf unseren frisch gemieteten Scootern rasend, lieber mit dem Asphalt zu kuscheln als auf dem Roller romantisch zu werden.

Wir pausieren mitten im Dschungel auf einem Bergkamm und kriegen frisches Obst serviert. In den Wipfeln der riesigen Bäume haben wir bereits schemenhaft Affen erkennen können. Die Rufe der Gibbons schallen durch das Blätterdach. Wir wollen aufbrechen, da sitzt auf einmal ein Südlicher Schweinsaffe neben uns auf dem Weg und futtert genüsslich unsere Reste. Penibel kratzt er die Wassermelonenschalen aus und findet auch noch das letzte Krümelchen Banane in den gelben Resten. Er scheint nicht scheu zu sein, wir können ihn zumindest in Ruhe beobachten und fotografieren. Beim Fressen hat er eine Bierruhe inne, die ihn von nichts abbringt.

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Zwei Affen mit Bierruhe.

Wir laufen weiter. Es rieche bereits nach Orang-Utan sagt einer der Guides. Und tatsächlich, kurz darauf entdecken wir Nester, die sich die rotbraunen Primaten jeden Abend in einem anderen Baum bauen. Unsere Hoffnung steigt. Doch es vergehen noch mindestens zwei anstrengende Stunden ehe wir tatsächlich Orang-Utans sehen. Es ist magisch, hat aber sofort einen faden Beigeschmack. Wildlebende Orang-Utans würden sich niemals aus den Wipfeln bewegen, um ein Futtergeschenk anzunehmen. Diese hier, Mutter und Kind, wurden von unseren Guides mit Zuckerrohr aus ihrer sicheren Umgebung gelockt. Sie haben viel von ihrer natürlichen Scheu verloren. Nichtsdestotrotz ist es ein gigantischer Anblick, diese Waldmenschen – abgeleitet von den malaiischen Wörtern „orang“ (Mensch) und „utan“ oder „hutan“ (Wald) – zwischen den Bäumen hin und her schwingen zu sehen – stets einen Blick auf unsere Gruppe gerichtet, während die Mutter das Zuckerrohr vorkaut und dann an ihr Junges verfüttert.

Im Laufe der schweißtreibenden Wanderung sehen wir mehr als 15 Orang-Utans. Darunter auch ein riesiges Männchen, das uns den Weg versperrt, als wir seine Pfade kreuzen. Auch hier ist die Auswirkung des Menschen auf das natürliche Leben der Orang-Utans zu sehen. Das Männchen will verhindern, dass wir Mina erreichen, die wohl bekannteste Affendame im Dschungel. Sie fordert ihren Wegzoll mittlerweile aktiv bei den Gruppen ein. Wer ihr aus dem Weg gehen muss, und das müssen wir leider, um nicht zwischen die Fronten der Balz zu gelangen, mit langen Umwegen rechnen. Ihr aggressives Verhalten lässt sich damit erklären, dass sie früher in Gefangenschaft gelebt hat, dort sehr schlecht behandelt wurde und jetzt extrem auf Menschen reagiert. Wir überleben die Begegnungen und erreichen auf Umwegen das Camp.

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Dschungelcamp.

Hier werden wir verpflegt, können im erfrischend kalten Wasserfall duschen und endlich die Füße hochlegen. Der Schlafplatz ist eine dünne Matte auf hartem Untergrund, dementsprechend gerädert wachen wir am nächsten Morgen alle auf, geweckt vom Geschrei der Gibbons im Dschungel. Besser geht es eigentlich nicht, oder? Die Strapazen des Vortags stecken uns in den Knochen, doch während des Frühstücks kommen alle wieder auf andere Gedanken. Es steht ein verhältnismäßig kleiner Fußmarsch zum Fluss an, wo wir Nudelsuppe essen und im Anschluss auf ein improvisiertes Floß aus riesigen Gummireifen steigen. Wir laufen den Weg nicht zurück nach Bukit Lawang, sondern fahren den Fluss entlang. Es ist ein Heidenspaß! Wir lachen, singen, kentern das ein oder andere Mal fast und genießen die letzten Minuten im Urwald.

Es ist ein fantastisches Erlebnis, einmal mehr die Grenzen von Mutter Natur aufgezeigt zu bekommen. In wenigen Stunden im Urwald durchleben wir alle Hochs und Tiefs, jeder für sich selbst und alle zusammen. Die Begegnung mit den Orang-Utans und den anderen Kreaturen des Waldes ist magisch. Dennoch bleibt ein fader Beigeschmack. Nicht nur, weil die Affen ihre Scheu vom Menschen verloren haben – immerhin leben sie noch in ihrem natürlichen Habitat und nicht eingesperrt im Zoo -, sondern auch, weil der Mensch systematisch diesen Lebensraum zerstört. Ich frage mich gerade: was kann ich tun, damit dies verhindert wird? Sobald ich eine Antwort habe, werde ich darüber berichten. Um mit etwas Positivem zu enden, hier ein paar weitere Affenbilder.

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Wie die Affen auf der Stange.
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Ganz seltenes Exemplar eines „Grinsebacken Makaken“.
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Wie der Vater – so der Sohn.
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Ohhh, Banana! Wer die Donkey Kong 64 – Referenz versteht, Hut ab!

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