Haltet den Dieb!

Hà Nội. Der letzte Stop auf meiner kleinen Südostasien-Rundreise. Er beginnt bescheiden. Ich wache im Nachtbus auf, bin wohl für eine halbe Stunde weggenickt. Ja, ich bin schon wieder Bus gefahren, obwohl ich es nicht wollte. Es war die mit Abstand günstigste Variante, um von Huế nach Hà Nội zu kommen. Die Fahrt war ok. Beim Aussteigen bemerke ich allerdings, dass mein Geldbeutel weg ist. Er war in meiner linken Hosentasche als ich das letzte Mal danach gefühlt habe. Ich durchsuche den Bus. Den Mitarbeitern der Busgesellschaft geht das nicht schnell genug, sie schimpfen und scheuchen mich aus dem Fahrzeug. Helfen will mir auch keiner, plötzlich versteht niemand Englisch. Das sah ganz anders aus, als sie uns beim Zwischenstop Essen verkaufen wollten. Ob der Geldbeutel aktiv aus der Tasche gezogen wurde oder rausgerutscht ist, kann ich nicht sagen. Weg ist er jedenfalls, also los geht die wilde Kartensperrerei. Das läuft reibungslos ab, die neue Kreditkarte ist unterwegs, die alte gesperrt. Ändern kann ich es jetzt eh nicht mehr. Hätte ich etwas anders machen können? Sicher. Lesson learned, Lehrgeld gezahlt. Beim nächsten Mal dann. Fehler sind immer gut, mir bei meinem Wachstum zu helfen. In der Vergangenheit zu leben bedeutet auch immer, mit Schuld zu leben. Schuldgefühle lähmen aber, halten einen vom Wachsen ab.

The Flag Tower – Imperial City, Tp. Huế, Thừa Thiên Huế, Vietnam.

Schuld ist eine der nutzlosesten Emotionen, die es gibt; egal, wie groß die Schuldgefühle sind, sie können die Vergangenheit nicht ändern. Warum aber begraben wir uns so oft unter einem Haufen Schuld? Die Antwort ist recht simpel. Wer über die Vergangenheit nachdenkt, muss sich nicht mit den Problemen der Gegenwart auseinandersetzen. Man verschiebt seine gegenwärtige Verantwortlichkeit für sich selbst von sich weg und denkt darüber nach, wer man war und nicht, wer man ist. An sich selbst zu arbeiten ist ein harter Job. Ihm aus dem Weg zu gehen ist einfach. Das Aus-Dem-Weg-Gehen vermeidet jegliches Risiko, auf steinigen Pfaden zur Selbstverbesserung zu gelangen. Menschen neigen dazu, zu denken, dass sie desto eher Absolution erfahren, je mehr sie sich schuldig fühlen. Sich schuldig zu fühlen kann auch ein Schritt zurück in die Kindheit sein. eine Zeit, in der andere die richtigen Entscheidungen für einen übernommen haben. Man gibt die Verantwortung ab. Indem man sich schuldig nach außen gibt, ist es für andere auch leichter, Fehltritte zu akzeptieren. Nicht umsonst wird bei Strafverfahren oft nach der Reue gefragt.

Schuld ist ein aktiver Denkprozess. Doch wie werde ich die negativen Gedanken los? Zunächst muss ich akzeptieren, dass die Vergangenheit niemals geändert werden kann. Was so plakativ klingt, ist tatsächlich ernst gemeint. Anschließend ist die Frage danach zu beantworten, vor welchen Problemen ich in der Gegenwart weglaufe. Außerdem sollte das eigene Wertesystem akzeptiert werden. Wenn mir etwas daran nicht passt, kann ich es ändern. Aber ich verstelle mich nicht, um von anderen Akzeptanz zu erfahren. Vieles, was uns Spaß macht, wird in der heutigen Gesellschaft als unakzeptabel gesehen – wir sollen uns schuldig fühlen, wenn wir nicht der Norm entsprechen, etwas mögen, das nicht alle mögen. Du darfst dies nicht denken, dies nicht fühlen, jenes nicht genießen. Ob es dabei um Klamotten, Drogen, Sex oder schmutzige Witze geht, ist egal. Sein Leben zu genießen hängt aber nicht davon ab, was andere denken; diese negativen Gedanken können nur dann auf fruchtbarem Boden landen, wenn man selbst an sich und seinem Lebensstil zweifelt. Es ist also kein gesellschaftlicher Druck, sondern selbst beigebrachter. Solange kein anderer darunter leiden muss, ist alles in Ordnung. Gesunder Egoismus ist das Stichwort: sein Leben verwirklichen, ohne anderen mental oder physisch Schaden zuzufügen. Sich schuldig zu fühlen lähmt einen nicht nur in der Gegenwart, es vervielfacht auch noch die Chancen, sich wieder identisch zu verhalten.

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Meine erste Begegnung mit der Frage nach Schuld.

Die Frage nach der Schuld bringt einen nie weiter. Du hast Schuld – nein du! Eben. Es gibt nie die richtige Antwort, nie das schwarz und weiß. Jeder hat seine eigenen Gedanken, seine eigenen Ansichten einer bestimmten Situation. Gelöst werden können diese nur durch Kommunikation und vollkommene Offenheit. Dann können Kompromisse gefunden werden, Lösungen, wie das Problem angegangen wird. Einen Schuldigen zu bestimmen macht es leichter, mit Problemen umgehen zu können. Es wird einem aber nie dabei helfen, sich vom Fleck zu bewegen und das Leben in seinen vollen Zügen zu genießen. Unsere Zeit ist begrenzt, verschwenden sie wir nicht damit, andere dafür verantwortlich zu machen, wie wir uns fühlen – oder fühlen werden. Lewis Caroll hat das Problem des Nicht-Im-Jetzt-Lebens (das, was wir heute als yolo oder carpe diem als Lebensweisheiten vorgesetzt kriegen) in Alice hinter den Spiegeln (Original: Through the Looking-Glass, and What Alice Found There, 1871) wie folgt herausgearbeitet:

[…] „Denn die Regel heißt: gestern Marmelade und morgen Marmelade – aber niemals heute Marmelade.“

„Aber manchmal muß es dann doch auch ‚heute Marmelade‘ sein“, wandte Alice ein.

„Das kann es gar nicht“, sagte die Königin, „weil es nämlich heißt: anderntags Marmelade; und heute ist ja dieser und kein anderer Tag, nicht wahr?“

„Das verstehe ich nicht“, sagte Alice. „Es ist schrecklich verwirrend.“

„Das kommt davon, wenn man rückwärts in der Zeit lebt“, sagte die Königin freundlich; „anfangs wird man davon leicht ein wenig schwindlig.“

Ich habe meine Lektion gelernt, werde jetzt beim Busfahren und Weiterreisen doppelt und dreifach auf meine Wertsachen achten – und bevor mir von dem ganzen Geschwafel noch schwindelig wird, schmiere mir jetzt erstmal ein Marmeladenbrötchen.

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