185

Wie die Zeit doch vergeht! Jetzt sind es schon mehr als sechs Monate – oder einhundertfünfundachtzig Tage -, seit ich das letzte Mal deutschen Boden unter den Füßen hatte. Das Land an sich vermisse ich nicht, aber meine Freunde fehlen mir zwischendurch doch sehr, ebenso meine Familie – das ist sicherlich das Härteste am Reisen für mich. Vor ein paar Tagen fragte mich ein Freund, was ich denn noch über mich gelernt hätte in der Zeit. Gute Frage. Ich bin nach meinem Trip durch Asien wieder in Neuseeland angekommen. Schon im Landeanflug merke ich: ich freue mich auf Neuseeland. Ein schönes Gefühl. Es zeigt mir, dass ich dieses Land in mein Herz geschlossen habe und es als meine derzeitige Heimat bezeichne – trotz aller Startschwierigkeiten. Aber: es ist kalt hier. Nach konstant über 25°C in den letzten fünfeinhalb Wochen fühlen sich selbst 5 Grad nach Permafrost an. Ich Weichei. Die richtige Kältewelle kommt erst noch. Eddard Stark im Juni zu zitieren hätte ich auch nicht für möglich gehalten. Doch tatsächlich, „Winter is coming.“ Was bleibt mir also anderes übrig, als mein Gehirn und meine Finger durch Gedankenspiele und unendliches Hämmern in die Tastatur warm zu halten?

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Queenstown Panorama.

So sehr ich das Privileg der Deutschen Staatsbürgerschaft und die damit verbundenen Vorteile beim Reisen genieße, ich merke, dass ich mich nicht mit ihr identifiziere. Mein Patriotismus hält sich in Grenzen, bzw. existiert eigentlich gar nicht (Fussball mal ausgenommen, und selbst da… na ja). Ich merke immer mehr, dass ich gerne ein Teil der Menschheit bin und nicht unbedingt ein deutscher Teil der Gesellschaft. Irgendwie sind wir doch alle gleich. Ich werde zu dieser simplen Leichtigkeit im Denken das erste Mal regelrecht aufgefordert, als ich mich massieren lasse. Was hat denn eine Massage mit Gleichheitsgedanken zu tun? Noch so eine gute Frage.

Nur weil ich mich relativ unvorbereitet in meine Reiseabenteuer stürze, heißt das nicht, dass ich mich nicht mit den Ländern beschäftige, in die ich reise. Ich lasse mich lediglich vor Ort lenken, um den Blick in den Reiseführer zu vermeiden. In Vietnam führt kein Weg am Thema Vietnamkrieg vorbei. Schon seit Jahren hat mich dieser Stellvertreterkrieg immer wieder begleitet, gefesselt und geschockt. In den letzten Wochen habe ich mich zudem intensiv mit dem Thema Soziale Inklusion beschäftigt, ein Thema, das in Vietnam immer wichtiger wird. Noch heute sind die Auswirkungen der Anwendung des Entlaubungsmittels Agent Orange zu spüren. Nach Angaben des Roten Kreuz‘ leiden etwa eine Million Vietnamesen an den Spätfolgen von Agent Orange, vietnamesische Neugeborene kommen, auch drei Generationen nach dem Einsatz von Agent Orange, noch mit schweren Fehlbildungen zur Welt – viele Opfer sind blind oder stark sehbehindert.

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Monsanto ist böse, Monsanto ist der Feind.

Zurück zur Massage. Während meiner letzten Tage in Vietnam möchte ich mich nochmal verwöhnen lassen. In meinem Hostel in Hanoi wird mir ein Spa empfohlen, das gleich um die Ecke liegt. Mehr sagt der Besitzer nicht, nur, dass ich mich überraschen lassen soll, es sei ein einmaliges Spa. Er hat recht. Ich komme an und werde von einem freundlichen Herrn begrüßt. Dieser begleitet mich zu meiner Masseurin. Sie ist freundlich, witzig – und blind. Das heißt, sie weiß weder, wie ich aussehe, welche Hautfarbe ich habe, noch kann sie dadurch auf meine Nationalität schließen. Ausländer bin ich, gut, war jetzt nicht so schwer. Sie lächelt, wir quatschen ein wenig und dann massiert sie mich. Es ist tatsächlich die beste Massage, die ich je in meinem Leben bekommen habe. Das Midori Spa in Hanoi ist ein Paradebeispiel für Inklusion. Davon können sich enorm viele Menschen eine Scheibe abschneiden. Es sollte eigentlich gar nicht erwähnenswert sondern völlig normal sein, in so ein Spa zu laufen. Da es das aber nicht ist, schreibe ich darüber, in der Hoffnung, dass es sich irgendwann ändert und normalisiert.

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Hach, Neuseeland…

Ich habe, darüber hinaus, gelernt, dass nichts auf der Welt Glück so unattraktiv macht, wie die verbitterte Suche danach. Wer in der Lage ist, in den kleinen, normalen Dingen auf dieser Welt Entzückung zu finden, wird glücklich, ohne danach zu jagen. Der Fokus liegt dabei auf dem Leben in der Gegenwart, im Moment – nicht in der Vergangenheit oder der Zukunft. Wer mich fragt, wie ich das alles anstelle, der kriegt momentan immer dieselbe, sehr simple Antwort: raus aus der eigenen Komfortzone! Es gibt so viele schöne Menschen, Orte, Kulturen und Momente da draußen, die alle nur darauf warten, von uns entdeckt zu werden. Habe Vertrauen zu dir selbst und glaube daran, dass du alles im Rahmen deiner Möglichkeiten erreichen kannst, was du möchtest. Ich habe noch viel mehr über mich gelernt, aber hier alles aufzuzählen, sprengt tatsächlich auch meinen Rahmen. Ich werde alles wohldosiert aufarbeiten (und weniger holprig schreiben als diesen Eintrag hier). Mein Wissensdurst ist aber weiterhin ungestillt. Der Dachdecker kann mir immer noch etwas beibringen, genauso der Börsenmakler, der Banker, der Gärtner oder eben die Bauern, mit denen ich gerade zusammenarbeite. Jeder hat Wissen in sich, das er doch bitte mit mir teilen möge. Ich höre gerne zu. Immer.

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