Horch amol!

„Wir verlieren die Fähigkeit, bewusst zuzuhören“, behauptet Sprachwissenschaftler und Audioexperte Julian Treasure. Während wir etwa 60% unserer Kommunikationszeit mit Zuhören verbringen, erinnern wir uns nur an etwa 25% des Gehörten. Er definiert Zuhören als das „Kreieren von Bedeutung aus Geräuschen“. Dazu benutzt der Mensch verschiedene Werkzeuge und Methoden. Wir erkennen Sprachmuster, zum Beispiel das Geräusch, das erzeugt wird, wenn jemand unseren Namen laut ausspricht, und reagieren entsprechend darauf. Geräusche, die dauerhaft gleich bleiben, wie etwa Regen oder das Rattern des Zuges auf den Schienen, blenden wir nach einigen Minuten aus. Wir suchen nach Unterschieden, nicht nach gleichbleibenden Mustern.

Darüber hinaus verfügt der Mensch über eingebaute Kommunikationsfilter. Bewegen wir uns in einem fremden Sprach- oder Kulturraum, verhält sich unsere Aufnahmebereitschaft von Gesprochenem ganz anders, als wenn wir die Sprache und Bräuche tatsächlich verstehen. Wir hören etwas, können aber keinen Sinn erkennen. Daher blenden wir es aus oder vergessen es kurze Zeit später. Wer jemandem über den Weg läuft, der andere moralische Werte oder Glauben vertritt und diese öffentlich kundtut, neigt dazu, wegzuhören, besonders, wenn keine Form der Diskussion in Sichtweite ist. Die Liste lässt sich ewig erweitern. Wir sind selektiv. Meistens jedoch unterbewusst. Und doch kreieren diese Filter unsere Realität und Umwelt. Einer der wichtigsten Faktoren ist dabei die eigene Intention. Wer nichts hören will, wird dies auch nicht tun.

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Geräusche helfen aber nicht nur bei der Kommunikation, sie helfen auch bei der Orientierung. Anhand von Geräuschen erkennen wir, wo wir uns befinden, welche Gefahren auf uns lauern, wie viele Menschen sich um uns herum befinden, wie groß der Raum ist, in dem wir gerade stehen. Mehr noch, Geräusche lassen uns erkennen, dass die Zeit vergeht. Das sprichwörtliche Ticken der Uhr, der Übergang zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, lässt sich wunderbar durch Lauschen begreifen.

Es geht also nicht nur darum, mit offenen Augen durch die Weltgeschichte zu spazieren, sondern auch, die Ohren zu öffnen. Wir verlernen zuzuhören. Warum? Weil wir viele andere Formen der Kommunikation ge- und erfunden haben, die uns das Kommunizieren erleichtern sollen: das Schriftbild, Audio- und nicht zuletzt auch Videoaufnahmen mit Sound. Wir müssen nicht mehr alles sofort aufsaugen und verstehen, sondern können uns alles wiederholt anhören und anschauen. Wir können uns aber auch dafür entscheiden, die Umwelt auszublenden. Die Erfindung der Kopfhörer macht das möglich. Wer den Lärmpegel seiner Umwelt nicht mehr erträgt, wer seinen Mitmenschen signalisieren möchte, er möge an keiner Interaktion beteiligt werden – Hallo, ihr Promo-Menschen in den Fußgängerzonen Deutschlands! – der setzt seine Kopfhörer auf und schafft sich seine kleine eigene Soundblase. So kommuniziert niemand mit niemandem.

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Wir sind ungeduldig, wollen Informationen möglichst kurz und knapp, zeitsparend und komprimiert erhalten. Zwischenmenschliche Kommunikation, wie ein Telefonat, wird, bei mir im Freundeskreis zumindest, häufiger durch eine Sprachnachricht ersetzt, persönliches Senden von Informationen ohne Möglichkeit der Kommunikation oder Reaktion darauf. Es fühlt sich nicht lebendig an, seinem Handy zuzuhören, während man darauf wartet, dass der andere alles los wird, nur, um dann mühselig auf alle Einzelheiten der letzten 4:32 Minuten einzugehen (Wink mit dem Zaunpfahl, Mädels). Zusätzlich stumpfen wir ab, die Medien schreien uns förmlich mit Schlagzeilen und Klickbaits an, um uns zum Lesen und Zuhören zu gewinnen. Dadurch fällt es uns auch wesentlich schwieriger, uns dem Leisen zu widmen, dem Subtilen, dem stummen Hilfeschrei. Bewusstes Zuhören schafft Verständnis. Verlieren wir das, sind wir in Gefahr.

Wer sich tagtäglich ein paar Minuten Zeit nimmt und es schafft, einen Moment der Stille zu genießen, wer in alltäglichen Situationen auf die einzelnen Geräusche achtet, die die Kakophonie des Alltags komponieren, wer Freude am Sound der Waschmaschine findet, der kalibriert sein Gehör und sein Gespür neu für das bewusste Wahrnehmen von Geräuschen, die die Kommunikation ausmachen. Wer es schafft, in einem Gespräch aufmerksam zu sein, den Gesprächspartner und das Gesagte wertschätzt, es zusammenfasst und durch Nachfragen sein Interesse bekundet, der bereichert diese laute Welt als guter Zuhörer ungemein.

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