Resonanz

Die Bilder des G20-Gipfels in Hamburg gingen letztes Wochenende um die Welt und erreichten mich natürlich auch hier in Neuseeland. Da ich mir kein Bild vor Ort machen konnte, musste ich mich auf Berichte aus der Heimat verlassen. Lilli, eine gute Freundin von mir, war vor Ort und hat die Geschehnisse verarbeitet. Was sie erlebt und gefühlt hat, wird im folgenden, emotionalen Bericht deutlich. Sie hat ihn mir freundlicherweise zur Verfügung gestellt, damit ich ihn hier veröffentlichen kann – einer von hoffentlich vielen folgenden Gastbeiträgen. Lilli macht den Anfang.

„Auf einmal stellt man alles in Frage. Du stellst alles in Frage, für was du stehst. In erster Linie gegen den Kapitalismus, ohne zu definieren, was „der Kapitalismus“ für dich bedeutet. Du stellst in Frage, auf welcher Seite du stehst, in welchem Block du dich aufreihst, wo du hingehörst. Es geht wieder um Identifikation. Dein Leben lang bist du dem Identifikationswahn ausgesetzt und dachtest, du hättest dich endlich gefunden. Und dann stehst du vor dem brennenden Feuer und es laufen Vermummte auf dich zu. Vor einer Sekunde hattest du noch mit gegrölt. „A Anti Anticapitalista!“ Jetzt rennen sie auf dich zu. Hinter ihnen Wasserwerfer, wieder Vermummte. Diesmal kannst du sie nicht unterscheiden, es stehen sich Vermummte gegenüber. Auf der einen Seite die Anarchie, auf der anderen Seite die ausgeübte Staatsgewalt. Du siehst schwarz. Schwarz vor den Augen, schwarz um dich herum. Die Welt sah vor deinen Augen noch nie so trostlos aus, du guckst in den Himmel und siehst schwarzen Rauch. Es nimmt dich jemand an die Hand, weil du stehst, weil du guckst, weil du es nicht glauben kannst. Du rennst, rennst mit der Menge. Eine Menge die sich als schwarzer Block bezeichnet, du rennst in einem schwarzen Block, dem du nicht angehörst. Oder doch?


Was treibt dich dorthin, in diese Menge? Aus irgendeinem Grund befindest du dich in dieser Masse, unter ihnen die meisten vermummt, wieso bin ich nicht vermummt? Aus Angst angetrieben biegst du rechts ab, du drehst dich um, die Masse rennt weiter geradeaus. Ein Hauseingang ist die Rettung, deine Augen tränen. Du spürst, das etwas in der Luft liegt. Es reizt deinen Atem. Die Türe geht zu, du neben Fremden in einem fremden Haus, in einer dir fremden Situation. Draußen laufen sie an dir vorbei. Sie schwärmen in jegliche Richtungen aus, man weiß nicht was passiert. Warten. Auf was warte ich? Auf Frieden? Nach ein paar Minuten wagen sich die ersten wieder aus dem Haus, ein paar warten noch mit dir. Angereiste. Die Lage beruhigt sich und du öffnest die Tür und setzt die ersten Schritte nach draußen. Es riecht nach verbrannter Luft, die Stimmung ist angespannt, links die Kreuzung, rechts der Fluchtweg. Und du gehst los, nur weg von hier. Immer wieder Vermummte. Sie laufen verstreut durch die Straßen, der ein oder andere wirft etwas um. Ein Knall. Du gehst weiter und weißt eigentlich nicht wohin, Hauptsache weg.

Zuhause angekommen versuchst du zu schlafen und findest doch keine Ruhe. „Die Situation ist sehr ernst.“, wird getwittert. Du machst dir Gedanken über das, was du gesehen hast, Steine gegen Wasserwerfer, Eskalation gegen Deeskalation, Gewalt gegen Gewalt. Du weißt nicht wohin mit deiner Wut, mit deiner Angst, mit deiner Trauer. Nachrichten ein, der Live-Ticker hält dich auf dem Laufenden, gut, dass du weg bist, die Randale setzten sich fort.


Neuer Tag, den Tag über nur geschlafen und verarbeitet. Neue Ausschreitungen, gut, dass du nicht dabei bist. Für kurze Zeit hatte Anarchie gesiegt. Plünderung, Feuer, Brutalität und Sinnlosigkeit, versteckt in einem Fadenkreuz der Antikapitalisten. Du wirst gefragt „Warum?“ von deinen Freunden, „Warum?“ von deiner Familie auch Fremde stellen dir die Frage „Warum?“. Doch warum stellt sich dir dieses „Warum?“ an erster Stelle? Es wird sich gesorgt um die Stadt, die Welt schaut auf diese Stadt, unter dem Deckmantel der G20.


Neue Demonstration, alles friedlich und du gehst nach Hause in Frohmut über diese friedlichen Kundgebungen. Du trinkst, du hast Spaß, du bekommst eine Nachricht. Es kommt zu erneuten Ausschreitungen. Wasserwerfer, Blaulicht, 24 gezählte Wagen die an dir vorbeifahren. Kurze Pause für ein Bier, Blaulicht, 20 gezählte Wagen die an dir vorbeifahren. Aufbrechen Richtung Randale. Begucken. Mitten im Herz stehen sie, werfen mit Flaschen, die Masse rennt. Wieder Vermummte, aber mehr Schaulustige. Die Polizei droht, packt dich am Arm, schiebt dich bei Seite. Du bekommst Angst und es kommen dir Videos von Polizeigewalt vor Augen und dich überkommt die Wut. Was soll man tun? Gehen. Doch es ist zu spät, die Masse fängt an zu laufen, ein neuer Wasserwerfer rückt an, er schießt, du rennst. Die Bar am Eck hat offen und ein paar laufen sofort rein. Du setzt dich draußen auf die Bank und drehst eine Zigarette. Es ist Zeit für eine Zigarette. Manche stehen am Zaun und sehen den Vermummten beim Anrücken und Weglaufen zu, beim Anrücken und Weglaufen. Du beobachtest die Beobachter, mal werden es mehr, mal werden es weniger. Die Masse verschwimmt. Man plaudert während der Schlacht auf der Straße, das gehört jetzt dazu. Plötzlich werden es mehr auf der Terrasse, auch Vermummte kommen hinzu. Du schaust dich um, sie rennen in die Bar. „Jetzt wäre der Moment sich etwas vors Gesicht zu halten.“, wird dir gesagt. Du guckst dich um, deine Augen fangen an zu Tränen. Heute sind sie radikaler, nicht nur zusehen, sie wollen die Situation unter Kontrolle behalten.

In der Bar beruhigt sich die Lage, wenige Minuten später gehen die ersten wieder nach draußen. Es wird geredet, über heute, über gestern, über 2013. Es ist ein ewiges Hin und Her zu beobachten. Die Polizei rückt ein, sie rückt aus, die Vermummten laufen ein und sie laufen aus. Man wird langsam müde. Zeit für ein neues Bier. Einer der Barkeeper erzählt dir von gestern. Die Polizei saß um vier Uhr morgens auf der Terrasse und es waren auch nur Menschen. Menschen die ihren Helm abnahmen und sich mit Pizza stärkten. Menschen die einfach nur Menschen sein wollten. Für einen kurzen Augenblick. Zurück am Tisch wird geredet, über Banalitäten, ab und zu ein Blick nach draußen. Raus kommt man immer noch nicht. Du guckst dich um, in die Gesichter. Einer kommt mit roten Augen an den Tisch, sagt er war ganz vorne. „Du musst deine Augen mit Wasser ausspülen. Geh runter zur Toilette.“, sagst du ihm. Man hält ja doch zusammen. Die Lage beruhigt sich, ab und zu ein Knall. Normalität. Jetzt trauen sich die Schutzsuchenden auf die Straßen, einer, dessen Augen man nur sehen kann steht neben dir. „Wieso bist du Vermummt?“, diese Frage stellte sich zu oft. „Ich bin in zivil hier. Eigentlich bin ich bei der Bundeswehr.“, sagt er und guckt einem direkt in die Augen. Die Frage wieso er hier sei, beantwortet er mit politischer Ambition, die Frage warum er dennoch bei der Bundeswehr sei, beantwortet er mit Erlernen des Waffenumgangs. In zivil, weg aus dem Alltag, Montag wieder zurück. Für was stehst du ein?

Man läuft weiter, will nur weit weg, doch die Polizei lässt einen nicht durch. Die große Kreuzung ist vorsichtshalber gesperrt. Nett lächelt einem der Polizist ins Gesicht: „Es gibt immer einen Weg.“ Freundlich bittet er uns die Kreuzung zu umgehen, nach stundenlangem Einsatz immer noch freundlich. Angekommen an der „Tabak-Börse“, wird es Zeit für eine Zigarette. Alle sind hier versammelt. Man sammelt Papes, Filter und den letzten Tabak zusammen und kommt ins Gespräch. Harte Tage liegen hinter uns. „Bin extra aus Berlin angereist.“ „Danke, danke für die Randale in der Schanze.“ Sarkasmus eröffnet die nächste Diskussion. Friedliche Mobilisierung steht hier einem autonom legitimierten Gewaltakt gegenüber. Banken werden erwähnt, Pazifismus, Bargeld, Waffen, Tod und die oberen 1%. Er steht vor dir mit einem Adidas Sweater, im Kampf gegen den Kapitalismus. Er sei gestern gefunden worden und sei nicht sein Sweatshirt. Morgen geht’s zurück nach Berlin, zurück zum Studium. Zum Abschied sagt er man solle immer alles hinterfragen, kritisch begutachten. Man steht sich gegenüber, Mensch zu Mensch. Für seine Meinung müsse man einstehen, egal mit welchen Mitteln. Eine respektvolle aber grundsätzlich konträrere Debatte, mit einer anerkennenden Meinungsverschiedenheit mit der wir auseinander zu gehen.

Ich habe die letzten Tage versucht, meine Meinung Kund zu tun, ich habe es versucht in Demonstrationen, in Aktivismus, in Debatten, in Begegnungen. Meine Resonanz der letzten Tage hier in Hamburg ist, dass die Politik erreicht hat, den Fokus von sich auf uns zu lenken. Die Tage sind vorbei und was bleibt ist die Empörung über die Welle der Gewalt, die herrschte, nicht aber die inhaltsleeren Ergebnisse der G20 Teilnehmer.“ – Bilder und Text: Lilli T.

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