Fussi

Meine großartige Zeit in Neuseeland neigt sich dem Ende zu. Ich merke, dass tatsächlich Fernweh entwickelt habe und mich auf neue Abenteuer freue. Dennoch verlasse ich das Land in zwei Wochen auch mit einem weinenden Auge, weil ich hier angekommen bin und einen Alltag habe, mich mit Freunden treffe, einen gut bezahlten Job habe und jede Woche Fussball im Verein spiele – endlich wieder. Vier Tore in fünf Spielen drücken meine Spielfreude dementsprechend aus. Ein Tor fehlt mir noch, um Topscorer des Teams zu werden, zwei Spiele stehen noch an. Ich merke jede Woche wiederholt, wie sehr mir der Teamsport gefehlt hat, den ich wegen diverser Verletzungen jahrelang nicht ausüben konnte. Wahrscheinlich auch, weil mein Kopf mir immer wieder Steine in den Weg gelegt hat und sich lieber nicht dem Risiko aussetzen wollte, wieder verletzt zu werden. Diese Zeit habe ich meistens mit Passiv-Fussball überbrückt. Wie das in etwa aussieht, wenn ich vor dem Fernseher sitze, gibt folgender Tagebucheintrag wieder, den ich in Vietnam vor einigen Wochen verfasst habe.

Warum ich Fussball liebe.

Es regnet in Strömen, ein heftiges Sommergewitter schickt Blitze und Donnergrollen durch das Tal. Ich verkrieche mich in meinem Hostel. Das Zimmer ist ein 4m²-Raum mit zwei Hochbetten, Matratzen aus Holz und einem Vorhang als Tür. Mein Zimmernachbar ist ein ungesprächiger Russe. Ich muss hier raus. Also schnappe ich mir hier auf meiner Urlaubsreise meinen Laptop, meine Kopfhörer und setze mich im ersten Stock meines miserablen Hostels in Dalat, Vietnam, auf den Boden und verbinde mich mit dem WLAN. Ich habe nur eine Sache im Kopf: bitte nicht schon wieder Relegation. 

Es ist etwa 20:30 Uhr, ich suche fieberhaft nach Streams – das habe ich auch schon ewig nicht mehr gemacht. Doch das Internet ist langsam, die Streams entsprechend verpixelt und unbrauchbar. Im Hintergrund lasse ich noch drei Radiostationen parallel laufen, um ja nichts zu verpassen. Mein Handy vibriert, Nachricht aus Hamburg, ob ich denn auch brav Fussball gucke? Würde, wenn ich könnte. Irgendwie finde ich einen Stream und bete nicht nur, dass er hält, sondern auch, dass mein heiß geliebter HSV „drin bleibt“. Streamen ist illegal? Mir heute, mit Verlaub, wirklich egal, interessiert hier in Vietnam bestimmt niemanden. Draußen donnert und kracht es, Weltuntergangsstimmung. Klasse. 

Durchaus schöner scheint es in der Heimat zu sein, die Sonne scheint, die Fans machen Lärm – ich schaffe es, das Unwetter draußen auszublenden und mich dem Getummel auf dem Rasen zu widmen. Während ich mich noch darüber freue, dass der Stream einigermaßen läuft, zappelt der Ball im Netz der Rothosen. Ach. Du. Sch… Ich sehe mich flehend um, doch im Hostel ist niemand, der meine Gesuche erwidert. Egal, weitermachen. 

IMG_3682.jpg
Rugby, Nationalsportart in Neuseeland – weitaus populärer als Fussball.

Zehn Minuten später der Ausgleich. Herrlich, geht doch. Danach passiert nicht viel. Aber wem erzähle ich das? Ich merke, dass der Stream mittlerweile doch eine starke Verzögerung zum echten Geschehen haben muss, denn Radio und Bild widersprechen sich immer mehr. Ich schalte die Radios aus und blicke gebannt auf den Bildschirm. Mein Handy vibriert. Mehrfach. Es hört gar nicht mehr auf. Ich schaue nicht hin. Irgendwas muss passiert sein. Langer Ball Sakai. Kostic holt den irgendwie noch von der Linie. Flanke. Waldschmidt. Drin!

Panisch blicke ich mich um. Habe ich das geträumt? Scheint real zu sein, das Hostel ist immer noch bescheiden. Ich drehe völlig durch, juble alleine vor mich hin und kann es nicht fassen, dass ich hier um 22:30 Uhr Ortszeit in Vietnam miterleben darf, dass der HSV diese Saison überstanden hat. Oder? Da haut Mathenia noch einmal eine Parade raus. Uns bleibt auch nichts erspart. Ich traue mich erst wieder zu atmen, als der Abpfiff ertönt. 

Von dieser Bundesligasaison habe ich nur die erste Hälfte wirklich mitbekommen. Weil ich im Dezember nach Neuseeland gezogen bin, blieb mir bei zwölf Stunden Zeitunterschied häufig nichts anderes übrig, als die Zusammenfassungen der Spiele am nächsten Tag zu gucken. Nichtsdestotrotz habe ich mich über jeden Sieg gefreut und bei jeder Niederlage wieder ängstlich auf die Tabelle geschaut. Umso schöner ist es, an einem Samstagabend wieder diese Emotionen zu erleben, die Fussball für mich immer noch zu meinem liebsten Hobby machen, egal, ob aktiv oder passiv. Selbst in Vietnam oder Neuseeland lässt mich dieses Fieber nicht los. Manchmal frage ich mich, ob sich die Profis dieser Tragweite bewusst sind. Tagein, tagaus fiebern Abertausende Menschen mit ihnen mit, überall auf der Welt wird sich jemand finden, der es mit den Hamburgern hält. 

Während sich dass Unwetter beruhigt, dreht das Volksparkstadion völlig durch. Die Spannung einer ganzen Saison entlädt sich, auch bei mir. Ich klappe meinen Laptop zu und beantworte grinsend alle Nachrichten meiner Fussballfreunde. Manche sind wohlwollend, andere zynisch, doch alle sind sich einig: gut gekämpft. Sehe ich auch so. Ich gehe noch eine Runde spazieren, um mir ein Beruhigungsbier zu suchen. Das habe ich mir nach der Aufregung redlich verdient. So unglaublich aufreibend der Abstiegskampf die letzten Jahre immer war, so befriedigend ist es dann doch zu wissen: nächstes Jahr spielen die Rothosen wieder erstklassig. Niemals zweite Liga, niemals, niemals…!“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s