Bis bald!

Ich gebe zu, es ist in letzter Zeit ein wenig still gewesen hier im Blog. Das liegt daran, dass ich viel am Arbeiten bin und einen Alltag erlebe, der jetzt nicht unbedingt von Spannung und intellektueller Inspiration geprägt ist. Ich bin tatsächlich ein bisschen uninspiriert.

Alltag, ein Wort, das in der deutschen Sprache häufig negative Konnotationen trägt. Auch bei mir. Alltag ist langweilig, führt zu routiniertem Verhalten, alles ist vorhersehbar und dröge. Für diese Beständigkeit bin ich allerdings gerade dankbar. Vielleicht aber auch nur, weil ich weiß, dass ich mich sehr bald wieder ins Abenteuer des Ungeregelten stürze. Alltag bedeutet für mich hier allerdings auch, dass ich angekommen bin in einem völlig fremden Land, Umfeld und Kulturkreis. Und das ist eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Ich habe mir auch Zeit genommen, noch einmal zu reflektieren, was in den letzten Monaten passiert ist, was ich über mich gelernt habe.

Was mich allerdings seit Tagen konstant begleitet, ist der Gedanke daran, dass meine Zeit in Neuseeland tatsächlich langsam zu Ende geht. Vielleicht überwältigen mich diese Abschiedsgedanken auch gerade und lähmen mich schreibtechnisch. Am Wochenende hat mein Bar-Chef eine riesige Abschiedsparty für mich veranstaltet. Ich bin immer noch betrunken. Das war das erste Mal, dass mir bewusst wurde, „krass, du fährst bald.“ Wahnsinn, wie schnell die Zeit hier vergangen ist. Acht Monate habe ich jetzt im Ausland verbracht, knapp sieben davon in Aotearoa.

Was nehme ich mit?

Unendlich viele Erinnerungen und Erfahrungen. Das fängt damit an, ins Ungewisse zu reisen, in einem fremden Land anzukommen, sich auf die Gewohnheiten, Eigenheiten, den Lebensstil und Tausende andere Sachen einzulassen. Vor allem aber heißt das, nicht in ein fremdes Land zu Reisen und dort Urlaub zu machen, sondern tatsächlich als Immigrant Fuß zu fassen, bewaffnet mit einem One-Way-Ticket und ein paar Dollar in der Tasche. Sich nicht nur die schönen Ecken eines Landes anzugucken, sondern eben auch mit den Schattenseiten und Problemen konfrontiert zu werden. Natürlich ist es ein freiwilliger Status, der des Migranten, und dennoch eine große Herausforderung. Ich möchte und kann mir nicht vorstellen, eine solche Reise unter ganz anderen Voraussetzungen antreten zu müssen. Spätestens jetzt habe ich noch wesentlich mehr Respekt vor dem Mut aller Immigranten.

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Ich nehme die Gewissheit mit, dass ich alles schaffen kann, was ich mir in realistischen Maßstäben als Ziel setze, und sei es nur die Randnotiz, dass ich immer noch Fussball spielen kann – wer hätte das gedacht?

Des Weiteren habe ich erst jetzt wirklich begriffen, welche emotionale Macht das Internet hat. Klar, YouTube und Co. haben mich schon immer zum Lachen gebracht oder die Abende mit Entertainment auf Mausklick gefüllt, aber erst hier habe ich gemerkt, welch großartige Erfindung das Internet ist. Per Videochat, WhatsApp, Facebook oder sonstigen sozialen Kanälen in Sekundenschnelle mit Freunden oder der Familie verbunden zu werden, über 18.000 km Luftlinie hinweg, ist schon faszinierend. Jetzt ist es möglich, innerhalb weniger Momente mehr Bilder mit der Welt zu teilen, als Menschen vor 100 Jahren womöglich in ihrem gesamten Leben gesehen haben. So bekomme ich immer mit, wie es den Menschen geht, die mir trotz der Entfernung immer noch wichtig sind. Ich hatte in der ganzen Zeit nie das Gefühl, völlig aus dem Leben in Deutschland getreten zu sein, obwohl das natürlich sehr hoch gegriffen ist, weil ich ja vom richtigen Alltag nicht allzu viel mitbekomme, sondern nur sporadisch Informationen erhalte. Dennoch ist es ein schönes Gefühl, auf Knopfdruck Zuhause zu sein. Obwohl ich Deutschland an sich nicht vermisse, habe ich dennoch das ein oder andere Mal Heimweh gehabt, oder das Bedürfnis, mit der Heimat zu kommunizieren – und sei es nur, um mal wieder Deutsch zu sprechen. Briefe brauchen allerdings immer noch mehrere Wochen, um in Deutschland anzukommen. Danke, Merkel.

Apropos Internet, hier habe ich auch den Mut gefasst, meinen geistigen Durchfall der Allgemeinheit hier in Form des Blogs zur Verfügung zu stellen – die Resonanz ist überwältigend, danke dafür. Jeder Like, jeder Kommentar, jegliche Form von Feedback motiviert mich.

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Wellington.

Was lasse ich hier?

Ein Stück von meinem linken vorderen Schneidezahn. Das liegt jetzt irgendwo in Wellington, nachdem der Zahn kurz Liebe mit einer Bierflasche gemacht hat, die sich viel zu schnell in seine Nähe gewagt hat. Ein schmerzhaftes Rendezvous. Unnötig, aber halb so schlimm. Ein paar argentinische Zahntechniker haben sich die Wunde angeguckt und befunden, es sei nicht dramatisch. Eine Einladung zu ihnen nach Hause in Buenos Aires habe ich gleich dazu erhalten. Darauf werde ich zurückkommen.

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Mt. Cook

Natürlich lasse ich meinen heiß geliebten White Knight zurück, mein allererstes Auto. Es hat mir treue Dienste geleistet und ich bin froh, gleich am Anfang einen Wagen gekauft zu haben. Er hat mir viele Türen geöffnet und mir das Leben hier wirklich erleichtert. Ohne ihn hätte ich viele Arbeitsaufträge nicht annehmen können. Ausflüge, wie der zum Mount Cook, hätten auch anders ausgesehen.

Ich merke, dass auch der ein oder andere hier traurig darüber ist, dass ich gehe. Ich für meinen Teil fühle, dass ich hier einige neue Freunde gefunden habe, trotz anfänglicher Startschwierigkeiten. Ich habe auf mich gehört und mir wirklich Zeit genommen für mich, für das Neue, für Altes und für Unbekanntes. Während meines Aufenthalts hier durfte ich viele herzensgute Menschen kennenlernen, die, und das ist tatsächlich der einzigartige Kiwi-Spirit, einem jederzeit helfen, wo sie nur können. Ich hinterlasse für alle, die Teil meines Lebens hier geworden sind, die Einladung, mich jederzeit und überall auf der Welt zu besuchen und ich werde alles dafür tun, diese Gastfreundschaft zu erwidern. Da wären wir wieder beim Internet, wodurch die Kommunikation rund um die Welt ermöglicht wird.

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Last but not least habe ich tonnenweise Kartoffeln und Zwiebeln gepflanzt, die lasse ich natürlich auch hier – wäre ein bisschen viel Übergepäck. Es ist schön zu wissen, dass dadurch in sechs bis acht Monaten etliche Menschen von „meinem“ Gemüse ernährt werden. Das klingt sexistisch. Ich lasse es trotzdem stehen. Auch wenn mir von meinen Chefs angeboten wurde, jederzeit wiederkommen zu können, um auf der Farm zu arbeiten, weiß ich, dass ich nicht dafür gemacht bin und das Angebot nur im Notfall annehmen würde. Selbst wenn ich noch hier geblieben wäre, hätte ich mir spätestens jetzt einen anderen Job gesucht. Die Monotonie ist auf Dauer nichts für mich.

Auf Wiedersehen.

Für mich steht fest, dass ich gerne wiederkommen möchte. Nicht sofort. Aber irgendwann. Neuseeland berührt mich, fasziniert mich, hat mich mit offenen Armen empfangen und wird mich mit offenen Armen wieder loslassen. Und ich blicke mit einem weinenden und einem lachenden Auge zurück auf eine fantastische Zeit voller Höhen und Tiefen, voller Momente, die mich gefordert haben, voller Aufgaben, die mich menschlich wachsen lassen haben. Dafür bin ich unendlich dankbar. Jetzt bin ich noch ein paar Tage hier – und die genieße ich in vollen Zügen. Bis bald!

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