Rudelbildung

Grundsätzlich sind wir Menschen sehr soziale Wesen. Das Verlangen nach Bindung stellt uns aber immer wieder vor eine der schwierigsten Aufgaben überhaupt: wen lassen wir in unser Leben, und um welchen Preis? Seneca schrieb an Lucilius „Überlege lange, ob du jemanden in deine Freundschaft aufnehmen willst. Wenn du beschlossen hast, dass es geschehen soll, lasse ihn ganz in dein Herz ein.“ Kein Mensch der Welt kann alle positiven Eigenschaften vereinen, die uns so sehr gefallen und die wir mögen. Daher bauen wir uns einen Freundeskreis auf. Wir lieben davon jeden einzelnen, aber die Einheit ist die Stärke, denn Die Stärke des Packs ist der Wolf, und die des Wolfs ist das Pack.‚ (- Rudyard Kipling, Dschungelbuch – irgendwie schöner im Original: „For the strength of the Pack is the Wolf, and the strength of the Wolf is the Pack“).

Auf der anderen Seite steht das Alleinsein, das häufig mit Einsamkeit verwechselt wird. Welch fataler Trugschluss – denn letzteres kann krank machen, ersteres macht hingegen sogar glücklich! Wer nicht alleine sein kann, stellt sein Wohlbefinden in den Schatten der Gruppe und beugt sich sozialen Erwartungen, meistens aus Angst, etwas zu verpassen. Wer alleine ist und sich einsam fühlt, sollte besser auf die eigenen Bedürfnisse achten und sich nicht mit Wahlverwandtschaften- oder -freundschaften abgeben, nur, um nicht einsam zu sein. Alleinsein kann dabei als physischer Zustand angesehen werden, ein Zustand, den man objektiv beobachten kann. Einsamkeit hingegen ist tief in der Seele verankert und als emotionaler Zustand von außen nur schwer bis gar nicht zu erkennen. Auch ein großer Freundeskreis oder ein aktives Social-Media-Leben zeigen nicht, dass man nicht einsam ist, sie können auch nur als Ablenkung dienen, denn „der unglückliche Mensch ist immer von sich selbst abwesend und niemals präsent.“ ( – Søren Kierkegaard) Das erklärt auch die Flucht von vielen in alternative Welten mit Hilfe von Drogen und Alkohol.

Evolutionstechnisch ist der Mensch ein Rudeltier. Zwar müssen heute keine Mammuts erledigt und Tausende Beeren gepflückt werden, um zu überleben, Gefahren muss der homo sapiens aber auch heutzutage bewältigen. Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe erhöht die Überlebenschancen, die Abwesenheit einer solchen erzeugt tatsächlich physische, im Hirnscan nachweisbare Schmerzen. Aus persönlicher Erfahrung kann ich bestätigen, was der US-amerikanische Psychologe John Cacioppo herausgefunden hat. Er beobachtet, dass soziale Isolation Menschen beeinträchtigt und dass Einsamkeit mit einem höheren Risiko für Herzinfarkt, Demenz und Depression einhergehen kann. Sonia Lippke, Professorin für Gesundheitspsychologie und Verhaltensmedizin an der Bremer Jacobs University rät in solchen Situationen „Schamgefühle zu überwinden und bewusst auf Gesellschaft zu verzichten […] Sollte man sich unsicher sein, Dinge ohne Gesellschaft zu tun, ist es empfehlenswert, an das Gefühl anschließend zu denken. Daran, dass man etwas allein geschafft und Ängste hinter sich gelassen hat.“ Stichwort ist dabei – wie so häufig – die eigene Komfortzone, die man verlassen muss. Cicioppo rät, nicht unbedingt mehr Zeit mit mehr Menschen zu verbringen, sondern vielmehr an der inneren Einstellung zu arbeiten. Einsame Menschen sehen in anderen Gefahren und reagieren sensibel auf vermeintliche Bedrohungen. Wer es schafft, diesen Denkmustern zu folgen, wird schnell merken, dass es nicht schlimm oder gar peinlich ist, mal alleine ins Kino zu gehen. Man nimmt die Situation mit anderen Sinnen und in einem anderen Bewusstsein wahr, als wenn man zu zweit oder in einer größeren Gruppe einfällt.

Für mich war es nach einigen Monaten des Solo-Reisens tatsächlich eine gewaltige Umstellung, jetzt wieder als Gruppe unterwegs zu sein. Von Mexico aus haben wir uns zu fünft über Belize bis nach Antigua, Guatemala vorgearbeitet. Anfänglich war ich skeptisch, ob das gutgehen würde, doch jetzt weiß ich, dass die Skepsis nicht angebracht war und bin froh, diese Menschen in mein Herz geschlossen zu haben. Wenn sich die Rasselbande am Montag trennt (lies: trennen muss), werde ich jeden einzelnen vermissen. Wie immer liegt es an der Kombination aus Momenten, die man alleine genießen kann und spaßigen Gruppenaktivitäten. Wir haben den perfekten Mix gefunden – ich freue mich auf den Abschied genau wie auf ein Wiedersehen. Frei nach Goethe: „Heute geh ich. Komm ich wieder, singen wir ganz andre Lieder. Wo so viel sich hoffen läßt, ist der Abschied ja ein Fest.“

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