Allerheiligen

Der gestrige Tag hat mein Weltbild völlig auf den Kopf gestellt. Seit gestern frage ich mich nicht nur, ob nicht die Vergänglichkeit des Lebens das ist, was es so reizvoll macht, ich bin mir sogar sicher, dass es so ist. Ich hatte noch nie Angst vor dem Tod, nicht vor meinem und nicht vor dem anderer. Der Umgang mit dem Tod ist dennoch immer eine emotionale Gratwanderung. Ich glaube, ich habe jetzt einen Weg entdeckt, der meiner Mentalität entspricht, mir Raum zum Trauern lässt, aber mich gleichzeitig daran erinnert, das Leben jeden Tag zu genießen. Ich glaube, ich lasse mir erstmal ein „Carpe Diem“-Tattoo stechen, um das zu verarbeiten. Was ist passiert? So viel, dass ich diesen Artikel halbiere, hier die erste Hälfte:

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Während in Deutschland die Kinder am Abend des 31.10. (Halloween) ihre Süßigkeiten verschlingen und stolz auf ihre Beute blicken, finden in Teilen des Landes WG-Partys statt, um das nächtliche Tanzverbot zu umtrinken – es ist in fünf Bundesländern Deutschlands ein stiller Feiertag. An Allerheiligen, dem 1. November wird dann den Seelen aller Heiligen gedacht, Gräber werden besucht und geschmückt. „Uns Papst“, Benedikt der 16., sagte einmal: „Am Fest Allerheiligen blicken wir voll Dankbarkeit auf die große Schar der Gläubigen, die schon im Himmel an der Herrlichkeit Gottes Anteil haben. Wir alle sind berufen, auf dem Weg der Seligpreisungen Christus nachzufolgen, der uns in die ewige Heimat führen will. Dabei helfen uns die Heiligen durch ihr Vorbild und mit ihrer Fürsprache.“ Nun denn. Da ich den Großteil meines erwachsenen Lebens (lies: Partyjahre) in Bayern verbracht habe, gehörte ich dem Teil Deutschlands an, der nicht feiern durfte. In Guatemala wäre das undenkbar. Am 1. November wird auch hier der „dia de los todos santos“ gefeiert – der Tag aller Heiligen. Aber wie! Ich komme auch jetzt aus dem Grinsen und Staunen nicht heraus.

Auf einer geteerten Straße führt der Weg an einer tristen Mauer entlang. Im Hintergrund lassen sich schon die ersten Grabsteine erkennen, ab und zu entdecken wir einen barrilete, einen kleinen Drachen, meist von Kinderhand gesteuert. Schon im Vorfeld war mir bekannt, dass hier der Totenkult ein anderer ist, der Umgang mit den Verstorbenen fröhlicher und bunter, als wir es aus Deutschland oder gar Europa kennen. Dennoch klappt mir beim Betreten des Friedhofs in Sumpango die Kinnlade runter:

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Überall Party, es wird geweint, gelacht, getanzt, gegessen, getrunken, gesungen, Freunde und Bekannte, Familien und Verwandte nehmen sich in den Arm – und überall fliegen Drachen. Dass dabei die verstorbenen Verwandten unter einem ruhen ist dabei nicht egal, sondern Hauptbestandteil der Feiern. Es wird gesagt, die Seelen nehmen an der Feier teil. Und ganz ehrlich, wäre ich gestern eine Seele vor Ort gewesen, ich hätte auch gefeiert. So bin ich aber umso dankbarer, dieses pure, authentische Guatemala erlebt zu haben. Es hat mir die Augen geöffnet.

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Amigo, puedes tomar una foto? – Liebend gern!

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Nicht falsch verstehen – es gibt, das weiß ich leider aus eigener Erfahrung, leider Umstände, unter denen ein Todesfall unnatürlich, und so unglaublich ungerecht ist, dass sich eine „Feier“ falsch anfühlt. Natürlich darf und soll man trauern, das ist notwendig. Wenn man sich aber mit der Eventualität des Todes auseinandersetzt und sich mental darauf vorbereitet, dass es jederzeit passieren kann, wird man vom Stress nicht komplett überwältigt, sondern kann sich voll und ganz auf die Trauer – und das Leben – konzentrieren. Dann kann ein solcher Tag einmal im Jahr ganz bestimmt bei der Verarbeitung helfen. Das entspricht auch den Wünschen vieler alter Menschen. In einer Heidelberger Studie, in der Hundertjährige zu ihren Wünschen befragt wurden, hieß es oft: „Ich sehe jetzt dem Ende entgegen und das ist mir wichtig, dass es in Ordnung verläuft. Kein Gedöns machen, wenn ein alter Mensch stirbt.“ …

 

 

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