Volare

… Während wir uns auf dem Friedhof fragen, ob wir träumen, selber Drachen steigen lassen, unzählige Fotos schießen (müssen / sollen), läuft im Hintergrund die Vorbereitung für ein weiteres Spektakel: das Festival de Sumpango, auch Festival de barriletes gigantes genannt. Das ist es auch, ein Festival der Giganten. Ich wiederhole mich, wenn ich sage, dass ich so etwas in meinem Leben noch nicht gesehen habe. Nur sind die Emotionen hier im kleinen Fußballstadion auf einem Hügel neben dem Friedhof ganz anders also noch vor wenigen Minuten. Auch hier kommen wir aus dem Staunen nicht heraus. Während wir uns in Gedanken immer noch mit Leben und Tod auseinandersetzen, stehen wir jetzt ein paar Meter Luftlinie weiter, und wirken plötzlich ganz klein. Die Superdrachen sorgen für die ein oder andere Nackenstarre, Hans-guck-in-die-Luft hätte hier seine wahre Freude.

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Der größte Bär der Welt – etwa 20m hoch.

Für die Mayas und Azteken war der Tod der Übergang des Menschen aus der materiellen in die geistige Welt und stellte gleichzeitig einen Neuanfang dar. In Guatemala wird diese Tradition in den unterschiedlichsten Formen fortgeführt. Angefangen beim Besuch des Friedhofs bis hin zum Pilgern aufs heilige Feld, um Drachen steigen zu lassen und zusammen mit Freunden und der Familie zu feiern. Auf diesem heiligen Feld werden wir Zeuge eines farbenfrohen Augenschmauses. Dutzende kleine Drachen schmücken den Himmel. Auf einer Seite des Feldes gesammelt stehen die Hauptattraktionen: die Gigadrachen. Alle Besucher können die „Kites“ aus der Nähe betrachten, anfassen und – natürlich – Fotos schießen. Die Darstellungen auf den Drachen sind alle mit der Kultur und Geschichte Guatemalas verbunden. Einige zeigen zeitgenössische Politikkritik, andere sind mit traditionellen Mustern bemalt oder bilden indigine Völker und Traditionen ab. Diese Bilder und Nachrichten sollen mittels der Drachen möglichst nahe an die Verstorbenen getragen werden. Hier richten sich Augen, Arme und Gebete nach oben. Die Drachen, die teilweise mehr als 200 Meter hoch fliegen, sind dabei Übermittler, vertreiben die bösen Geister und tragen die Fröhlichkeit zu den Seelen der Toten. Eine sehr lebendige, bildstarke Tradition, wie ich finde.

Leider fliegen die größten der Drachen nicht. Theoretisch sei das wohl möglich, aber in der Praxis kämpfen schon die kleinsten der Riesendrachen, wir sprechen von 6-7 Metern Durchmesser, arg mit den Windverhältnissen. Von den 20 Drachen, die wir aufsteigen sehen, schaffen es im Endeffekt „nur“ fünf – so viele, wie noch nie zuvor.

 

 

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Mein Favorit – der mit 22m größte Barrilete des Festivals.
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Ein Barrilete wird von seinen Bastlern in den Himmel gezogen. Obwohl es so aussieht, geregnet hat es nicht, da waren die Geister milde gestimmt. Verständlich.

Die ganze Show wird moderiert. Weil die einzelnen Drachen in Kategorien eingestuft sind, in denen sie anhand des Stils, Motivs, Farbwahl und Aussagekraft der Bilder bewertet werden, und es nicht nur um das Drachensteigen an sich geht, führt uns ein quicklebendiger Moderator durch den Tag. Da wir vor Abschluss der Veranstaltung gehen, um nicht mit dem Chicken-Bus im Feierabendverkehr stecken zu bleiben, kriegen wir leider nicht mit, wer gewonnen hat. Dabei sein ist aber eh alles, oder? Wir fühlen uns auf jeden Fall alle wie Gewinner.

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Im Ohr habe ich während der ganzen Zeit übrigens nicht nur den pausenlos quatschenden Moderator, dessen Stimme im Laufe des Tages immer brüchiger und rauchiger wird, sondern auch eines meiner Lieblingskinderlieder:

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