Gypsy

Social Media. Ein Thema, so etabliert, dass man es in Konversationen auch als Lückenfüller für peinliche Stillen nehmen kann, ohne direkt über das Wetter reden zu müssen. „Na, hast du Facebook? – Wie heißt du auf Instagram?“ Aber eben auch ein Aspekt unseres Lebens, den wir tagtäglich als Lückenfüller nehmen, um peinliche Stillen mit uns selbst mit Bild und Ton zu füllen. Und genau so sieht mein Tag heute aus. Völlig verkatert und bewegungsunfähig wie ein Relaxo hänge ich im Hostel in den Seilen. Den lieben langen Tag bewege ich nur meine Daumen und Augen. Was sind denn die neuesten Trends? Was sind die coolsten Hashtags? Was geht eigentlich so ab im www? So einiges. Eines der Trending Topics auf Instagram ist das Gypsyleben, auf Deutsch: Zigeunerleben. Wer nach #gypsy sucht, oder sich mit dem #gypsylife auseinandersetzt, wird erschreckend feststellen, was dieses Gypsyleben heute ist.

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Servus, i bims, 1 Relaxo.

Es geht um dünne, überprivilegierte Mädels an verlassenen Orten. Es geht um Tattoos, Reisen und – natürlich – Wanderlust. Eigentlich eines meiner Lieblingswörter. Es geht um viel nackte Haut, Blumen, Kleider und den alt bewährten Blick in die Ferne. Selbstverständlich darf der Indianerschmuck nicht fehlen, den man in „voll krass realen Begegnungen der indigenen Bevölkerung eines vom Tourismus‘ kaum berührten Landes abgekauft hat“. Der Gypsy lebt ein Leben losgelöst von Alltagszwängen, ist das Einhorn unter den Reisenden – und eine komplett westliche Erfindung.

Männer findet man unter #gypsy eher weniger. Der Instagram-Zigeuner ist eine Frau, geschaffen für die Sinne des weißen Mannes. Sie ist verrucht, sexy, wild, exotisch und ein Produkt der männlichen Vorstellungskraft. Niemals wird sie die Seine werden, denn sie ist frei, nicht zähmbar und dementsprechend für alle Ewigkeit begehrt. Es ist eine Sehnsucht an der Oberfläche, eine Liebe, die auf geringfügigen Beobachtungen des Aussehens basiert. Vielleicht ist es die Flucht des Menschen in die Welt des Anti-Konsums. Das Gypsy-Leben ist losgelöst von Geld. Aus viel wenig machen – und das dann verkaufen. Es fühlt sich außerdem nicht so schlecht an, wenn man Produkte erwirbt, die den Anschein erwecken, man unterstütze damit hilfsbedürftige Völker.

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Der Hass, der den Sinti und Roma in Europa teilweise immer noch entgegengebracht wird, stammt aus derselben Feder wie die Romantisierung dieses Volkes. Das Leben über dem Gesetz, das Leben ohne Regeln, ist gleichzeitig abstoßend wie anziehend. Gefangen in seiner eigens erschaffenen Existenz, in der Geld die Welt regiert, sehnt sich der weiße Mann nach Freiheit – die Gypsy-Frauen verkörpern dieses Ideal. Der Hass hält an. Die Liebe auch. Das weiße Märchen der freiheitsliebenden Exotin wird also sicherlich noch weiterleben, solange wir den Traum von Freiheit nur träumen und nicht leben – die #Gypsys von Instagram sorgen dafür, dass er nicht stirbt. Ich träume jetzt auch. Von einem Leben ohne Kopfschmerzen.

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