Choo Choo

„Der IRE 4278 nach Hamburg verspätet sich voraussichtlich um 10 Minuten. Grund dafür ist die Verspätung eines vorausfahrenden Zuges.“ 23.12.2018, 13:20 Uhr, Berlin Hbf, Gleis 13, mögen die DB-Winterspiele beginnen.

Der Zug fährt ein. Schon jetzt ist klar, er ist maßlos überbucht. Oder sind die Plätze auf dem Gang als Stehplätze einkalkuliert? Beim Einsteigen wird es kuschlig. So viel unfreiwilligen Körperkontakt haben sonst wohl nur Frauen in der Disco. Weiß gar nicht, was die immer haben, ist doch toll…

Ich finde einen Stehplatz am Fenster, in einer Ecke hinter einer Tür. Betretenes Abwarten. Wird noch irgendwo etwas frei? Ist der freie Platz wirklich reserviert? Menschen mit Sitzplatz schauen die einfallenden Horden mit großen Augen an. „Die armen!“, „Wie viele denn noch?“ und „Gottseidank war ich mir nicht zu fein, 4,50 € für eine Reservierung auszugeben“, kann man in ihren Blicken lesen. Die Stehenden tauschen hoffnungslose Blicke aus, so langsam dämmert es uns: die nächsten Stunden eint uns dieses Schicksal.

Wer schon durch die mecklenburgische Prärie gefahren ist, weiß, Empfang sucht das Smartphone hier vergebens. Spotify spielt gespeicherte Playlists, das Magazin ist schnell durchgelesen. Die beiden „Achtung, Flaschenwurf“- und „Bloß nicht den Kopf verlieren“-Schilder am Fenster brennen sich in meine Netzhaut, im Hintergrund zieht die um diese Jahreszeit besonders pittoreske, in einen grauen Dunstschauer gehüllte Landschaft, vorbei.

Warum fährst du Depp auch erst am 23.? Ist doch klar, dass das voll wird! Ja, sollte klar sein. Nur der Bahn ist nicht aufgefallen, dass mal wieder Weihnachten ist. Huch! „Kein Zwanni für nen Steher“ heißt es beim Fußball. Könnte sich die Bahn mal ’ne Scheibe von abschneiden.

Toll, dass die Stimmung im Abteil aber besser ist, als in mancher Stehkurve deutscher Stadien. Mit einem gemeinsamen Feindbild fährt sich’s irgendwie leichter. Auch im Stehen.

Während ich zum x-ten Mal im Tür-Wand-Sandwich stecke und mit den beiden schmuse, weil jemand durch die Tür muss, mit der ich mehr Zärtlichkeiten ausgetauscht habe, als mit jeder anderen Tür zuvor (warum gibt es mitten im Abteil eigentlich eine Tür?!), habe ich das Gefühl, mich mehr um das Wohl der Fahrgäste zu kümmern als unsere Beförderer. „Geht’s? Brauchst’e Hilfe? Alles ok?“.

Ein*e KontrolleurIn kommt nicht vorbei. Wohl auch besser so.

In Lüneburg leert sich der Zug. Sitzplätze? Immer noch Fehlanzeige. Erst in Harburg darf ich meinen Hintern in die vorgewärmten Kuhlen eines Fensterplatzes pressen. Großartig. Doch schon nähert sich der Hamburger Hauptbahnhof. Aufstehen, aussteigen. Ich glaube, ich brauche ein Bier. Gleich. Zuerst noch ein kurzer Fußmarsch durch den Winterregen. Der Blick über die Alster entschädigt wie so häufig für sehr viel. Familienzeit, wir stiefeln in die Staatsoper, Zauberflöte. Es wird für Papageno/a (ist das jetzt korrekt #gegendert?) schwierig, das Entertainment-Niveau der heutigen Bahnfahrt zu erreichen.

Zurück fahre ich mit dem Flixbus. Der ist zwar auch andauernd verspätet, aber wenigstens kann ich dabei sitzen.

In diesem Sinne

Frohe Weihnachten

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s